Dienstag, 16. Oktober 2018

Unterwegs im US-Nationalpark Glacier Im roten Oldtimer-Bus durchs Hochgebirge

Glacier Nationalpark: Im Oldtimer-Bus ins Hochgebirge
Christian Röwekamp/dpa-tmn

Glacier Nationalpark
Anreise
Der Glacier-Park-Flughafen bei Kalispell ist 42 Kilometer vom Besucherzentrum in Apgar im Westen des Parks entfernt. Reisende aus Europa erreichen ihn mit Umsteigen in Denver oder Chicago (United Airlines), Salt Lake City oder Minneapolis (Delta Air Lines). Alaska Airlines fliegt von Seattle nach Kalispell. Die Anreise mit einem Leihwagen ist von Calgary in der kanadischen Provinz Alberta aus deutlich kürzer (370 Kilometer) als zum Beispiel eine Fahrt von Seattle (900 Kilometer) oder Salt Lake City (1050 Kilometer) aus.
Einreise
Deutsche Urlauber brauchen kein Visum, müssen sich aber unter https://esta.cbp.dhs.gov eine elektronische Einreiseerlaubnis (Esta) besorgen. Sie kostet 14 US-Dollar und gilt zwei Jahre lang.
Klima und Reisezeit
Die Winter in Montana sind kalt und schneereich, mit Frost ist von Oktober bis April zu rechnen. West Glacier erreicht im Sommer Tageshöchstwerte von 22 bis 27 Grad. Die Monate Juli und August bieten oft ein stabiles und sonniges Wetter, nachts sinken die Werte aber auch dann in der Regel unter die 10-Grad-Marke.
Weitere Informationen
The Great American West, Bavariaring 38, 80336 München (Tel.: 089/689 06 38 41, https://greatamericanwest.de)

Edward Daniel ist sehr erfahren darin, große rote Autos zu steuern, 29 Jahre lang war er Feuerwehrmann in Atlanta. Georgias stickige Südstaaten-Sommerschwüle hat Ed gegen die frische Bergluft von Montana getauscht. In dem Staat weit im Westen der USA trägt er keine feuerfeste Uniform mehr, sondern Bermudashorts und Sonnenbrille, einen ausladenden Hut und eine rosa Krawatte über einem kurzärmeligen, weißen Hemd. Wie ein Geschäftsmann, der sich für einen Strandbesuch nicht vollständig umgezogen hat. Und statt eines schweren Löschfahrzeugs mit blinkenden Lichtern und Sirenengeheul lenkt Ed einen alten roten Reisebus auf die nächste enge Kurve zu: einen White 706, Baujahr 1936.

Insgesamt 33 rote Busse aus den späten 1930er Jahren sind bis heute im Glacier-Nationalpark unterwegs. Sie sind die heimlichen Stars einer Hochgebirgsregion, die als bedeutender Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen gilt, deren kaum berührte Natur aber auch immer mehr Touristen anzieht. In Glacier wurde 2017 erstmals die Schwelle von drei Millionen Besuchern überschritten: Mit gut 3,3 Millionen Gästen kamen zwölf Prozent mehr als 2016 in das Schutzgebiet, das an Kanada grenzt und an den dortigen Waterton-Lakes-Nationalpark anschließt. Gemeinsam bilden die beiden Parks bereits seit dem Jahr 1932 den Waterton-Glacier International Peace Park.

Mit 17 Urlaubern auf den Holzbänken seines White 706 ist Ed am Morgen aufgebrochen, der rote Bus ist ausgebucht. Das erleben die Jammer, wie die Fahrer der Oldtimer genannt werden, fast täglich, wenn sie während der kurzen Sommersaison mit offenem Verdeck bis in gut 2000 Meter Höhe vorstoßen, vorbei an steilen Gipfeln und schimmernden Bergseen. "Die Busse sind vor dem Zweiten Weltkrieg speziell für den Einsatz in Nationalparks im Westen der USA gebaut worden", erzählt Ed. "Heute sind sie aber nur noch hier in Glacier und in Yellowstone in Betrieb." Die Ausstattung besteht überwiegend aus Originalteilen, auch wenn die Busse 2001 und 2002 vom Autohersteller Ford überarbeitet und auf neue Lkw-Fahrgestelle gesetzt wurden.

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Man kann an mehreren Orten im Südwesten und Osten des Parks zusteigen. Es gibt Halbtagesausflüge, aber auch rund neunstündige Fahrten auf beide Seiten des Hauptkamms der Rockies. Frühes Buchen ist ratsam. Rund 100 US-Dollar für Erwachsene kostet das Tagesprogramm "Crown of the Continent". Es bietet nicht nur einen Ausflug in die automobile Vergangenheit, sondern auch eine Fahrt auf der Going-to-the-Sun-Road, einer 1933 eingeweihten kurvigen Route über den 2025 Meter hohen Logan Pass. Möglich ist das aber nur, wenn der Schnee komplett geräumt und noch nicht viel neuer gefallen ist. In der Regel wird die Strecke zwischen Mitte Juni und Anfang Juli freigegeben, 2018 zum Beispiel am 23. Juni. Zwischen Mitte September und Mitte Oktober ist die Straße wieder geschlossen.

Mit Ed Daniel geht es an diesem Tag allerdings nicht über den Logan Pass, sondern über den südlich davon gelegenen Marias Pass - mit 1591 Metern über dem Meer die tiefstgelegene Ort in den USA, an dem sich der Rocky-Mountains-Hauptkamm überqueren lässt. Rasch wird sichtbar, dass die "Continental Divide" zwei sehr verschiedene Regionen trennt. Denn das Wetter kommt hier meist von Westen und regnet sich an den zum Teil mehr als 3000 Meter hohen Bergen ab. Deshalb wachsen dort Bäume, die sonst vor allem am Pazifik vorkommen, etwa Western Hemlock und Riesen-Thuja. Östlich der Pässe ist das Land viel trockener, sind die Bäume niedriger, und bald beginnen die Great Plains: offene Prärie über mehr als 1000 Meilen bis nach Minnesota.

Seit mehr als 100 Jahren erleben Urlauber diese Unterschiede, der Glacier-Nationalpark wurde bereits 1910 gegründet. Zuvor hatte das Eisenbahnunternehmen Great Northern Railway an der heutigen Südgrenze des Parks eine Trasse für seine Verbindung zwischen Seattle und Minneapolis bauen lassen, und zwar über den Marias Pass. Rasch kam die Idee auf, Menschen von der US-Ostküste eine Reise in die "Amerikanischen Alpen" als Alternative zum Europa-Urlaub anzubieten. Lodges, Chalets und Zeltlager entstanden, meist nur einen Tagesritt voneinander entfernt. Einige der Unterkünfte wie die "Lake McDonald Lodge" auf der Westseite des Parks und die "Glacier Park Lodge" in East Glacier, in der zwölf Meter hohe Douglasfichtenstämme das Dach der weitläufigen Lobby tragen, sind bis heute in Betrieb.

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