Mittwoch, 20. September 2017

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Autobahnkirchen Unterwegs in höhere Sphären

Als Rastplätze für die Seele werden sie gern bezeichnet. Dabei lädt ihr Umfeld meist nicht zum Verweilen ein. Dennoch macht jährlich rund eine Million Menschen eine besinnliche Pause in einer der deutschen Autobahnkirchen.

Wie aus einem Origami-Bogen gefaltet ist die Autobahnkirche Siegerland
Kassel - Auf der Autobahn kam das deutsche Wirtschaftswunder in Schwung: bei Geschäftsreisen in den Schwarzwald, Sonntagsausflügen in die Eifel und ersten Familienreisen an die italienische Adriaküste - nach den düsteren Jahren der Weltkriege befanden sich Bundesbürger plötzlich auf der Überholspur.

Zugleich entstanden aber auch neue Orte der Entschleunigung: 1958 eröffnete im bayerischen Adelsried an der A 8 zwischen München und Stuttgart die erste deutsche Autobahnkirche. Weitere folgten - heute dienen sie längst nicht mehr nur der inneren Einkehr, sondern sind auch ein Ausflugsziel für Liebhaber sakraler Kunst und Architektur.

Aktuell verzeichnen die 42 Gotteshäuser - darunter 19 evangelische, 15 ökumenische und 8 katholische - rund eine Million Besucher pro Jahr. "Hier finden sie einen Raum, in dem sie für kurze Zeit der Monotonie und dem Stress der Reise entfliehen können", sagt Birgit Krause. Sie koordiniert bei der Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen die Interessen der Gemeinden, die ein Gotteshaus für Autofahrer unterhalten.

Wo eine Autobahnkirche entsteht, darauf nehmen weder Landeskirche noch Diözese Einfluss: Ausschließlich als Autobahnkirchen oder -kapellen genutzte Häuser seien meist Neubauten, die auf die Initiative von Fördervereinen zurückgehen und somit vom persönlichen Engagement Einzelner abhängen. In der Mehrzahl sind es jedoch Bauten, die gleichzeitig als Gemeinde- und Autobahnkirche genutzt werden.

Die Besucher schätzen den leeren Raum

"Diese Entscheidung trifft die Gemeinde selbst", erklärt Krause. "Sie öffnet ihre Kirche bewusst für Fremde und muss sich anschließend auch um den Betrieb und den Unterhalt kümmern." Um als Autobahnkirche infrage zu kommen, darf das Gebäude nicht weiter als 1000 Meter von der nächsten Anschlussstelle entfernt liegen und muss mindestens von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends zugänglich sein - viele sind sogar rund um die Uhr geöffnet.

"Das Publikum ist eher männlich, über 50 Jahre alt, sehr gebildet, kirchlich engagiert und Familienvater", berichtet Birgit Krause. Und zwei von fünf Besuchern seien nicht in ihrer Heimatgemeinde aktiv. Dass häufig kein Pfarrer oder Pastor vor Ort ist, störe die Reisenden nicht: "In der Regel wünschen die Besucher keinen Anschluss an die Gemeinde, sondern schätzen den leeren Raum und die Anonymität der Autobahnkirchen." Sie wollen lediglich eine Kerze anzünden, Andacht halten und in Ruhe durchatmen. "Für seelische Nöte steht meist ein Anliegenbuch bereit, in das die Reisenden ihre Gedanken und Gefühle schreiben können."

Zu entdecken gib es eine ganze Menge im Netz der Deutschen Autobahnkirche. Seien es die modernen, oft architektonisch interessanten Häuser freier Fördervereine. Oder aber historisch bedeutsame wie die Autobahn- und Gemeindekirche Gelmeroda, die einst der Maler Lyonel Feininger in zahlreichen Bildern festhielt. Die meistbesuchte ist die Autobahnkirche St. Christophorus in Baden-Baden-Sandweier an der A 5 zwischen Karlsruhe und Offenburg. Hier war der Bildhauer Emil Wachter für die künstlerische Gestaltung verantwortlich. Mehr als 2000 Symbole und Motive zieren das pyramidenförmige Gotteshaus. "Mein persönlicher Favorit ist jedoch die Galluskapelle in Leutkirch im Allgäu", erzählt Birgit Krause. "Man muss ein paar Stufen überwinden, doch dann erschließt sich ein herrliches Alpenpanorama, und man fühlt sich weit weg vom Alltag mit seinen Sorgen."

Mag es seit Jahren auch immer weniger Kirchenbesucher geben - die Zahl der Autobahnkirchen steigt weiter: Bereits im Oktober dieses Jahres soll die Autobahnkirche A 71 bei Bibra eröffnet werden. Sie wird dann das 43. Gotteshaus an einer deutschen Autobahn sein, das Reisenden einen Moment der Ruhe und der inneren Einkehr bietet.

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