Samstag, 18. April 2015

Alle Artikel und Hintergründe

Norwegen Das leichte Gold von Helgeland

Norwegen: Ein Rundgang um Vega
Fotos
Monika Hippe

Rund 6500 Inseln und Inselchen gehören zum wenig bekannten Vega Archipel in Helgeland südlich der Lofoten. Die meisten davon sind unbewohnt und nur per Boot erreichbar.

Helgeland - Die Wellen klatschen gegen den Rumpf des Kajaks. Der Wind weht Wasserspritzer ins Gesicht. Am Himmel kreischen ein paar Möwen, als wollten sie den Weg weisen. Den kennt Nils auch. Als Guide paddelt er voraus. Es geht vom Bilderbuchhafen im kleinen Fischerdorf Nes in die Welt der Schären und Holmen, vorbei an felsigen Ufern und Leuchtfeuermasten mit roten Dächern. Je weiter man hinauskommt, desto mehr zehrt Gegenwind an der Kapuze und erfordert kräftigere Paddelschläge. Ziel ist eine einsame Insel im Schärengarten des Vega-Archipels in Nordnorwegen. Ein unbewohntes Fleckchen Erde mitten im Meer.

Als der Magen knurrt, ruhen die Kajaks schon am muschelübersäten Strand, der hier fast so weiß ist wie in der Karibik. Nils kramt Getränke und Essen aus dem Rucksack, baut einen Wall aus Steinen um den mitgebrachten Grill. Wenig später mischt sich der Duft von knusprigen Würstchen und Lachs mit der Meeresluft. Wer will, kann im Kanu oder Kajak täglich eine neue Insel ansteuern und dort einen Tag oder länger Robinson Crusoe spielen, zuschauen, wie Wolken und Sonne miteinander flirten, über weiche Mooskissen laufen und dabei das Netzwerk der Natur erkunden. Seeigel und Muscheln sammeln, versuchen Weideröschen im Wind zu fotografieren. Niemand schaut dabei zu. Es gibt weder Menschen, noch Häuser und Straßen oder andere Infrastruktur. Das "Jedermannsrecht" erlaubt dort auch das Zelten.

Idylle auf der Insel

Hin und wieder steht ein solches Eiland zum Verkauf. Turid Næss and Gisle Ebbesen hatten Glück. Zehn Jahre lang hat das Paar verhandelt, bis ihnen die Eigentümerin ihre Trauminsel 'Store Emårsøy' für 18.000 Euro verkaufte. Immerhin ist sie mit 1,1 Quadratkilometern halb so groß wie die Herreninsel im Chiemsee. Turid und Gisle stehen in Norwegerpullis und mit roten Wangen am Bootsanleger und begrüßen ihre Gäste mit einem norwegischen Lied. Neben ihnen grasen drei Kühe. An diesem Tag faucht der Wind durchs Gras und wirbelt einen würzigen Duft empor. "Das ist Wermutkraut", sagt Turid, daraus wurde früher Bier gebraut".

Dann zeigt sie den Gästen die einzigen Gebäude auf dem Eiland: einen alten Stall und ein Gästehaus. Hier haben die beiden ein kleines Museum eingerichtet, in dem die Einrichtung und Fotografien an den Wänden das damalige Leben dokumentieren. Beim Tee erzählen sie, was früher war: Im 18. Jahrhundert gab es hier und auf den Nachbarinseln viele kleine Bauernhöfe, später lebte nur noch eine Familie auf jeder Insel. Die Farmerinnen fuhren mit dem Boot von Eiland zu Eiland, um die Kühe zu melken. Sie bauten Getreide und Kartoffeln an und lebten vom Fischfang. "Junge Leute interessieren sich nicht so sehr für die Schären, weil man darauf nicht ohne weiteres bauen darf", sagt Turid, denn das ganze Gebiet ist Weltnatur- und Kulturerbe.

Ein Haus für Enten

Nur für die Eider-Enten darf gebaut werden. Mitten im Gras hat Turid eine kleine Höhle aus Brettern und Steinen aufgetürmt. Denn jedes Frühjahr kommen sie aus dem Meer gewatschelt, um an Land zu brüten. Fertige Nester nehmen sie dankbar an. Dort finden sie Schutz vor Möwen, Seeadlern und Ottern. Trotzdem überlebt nur jedes fünfte Küken. Auf der Insel Lånan bauen die Landfrauen jedes Jahr richtige Häuser für ihre Entendamen. Nachdem die Tiere ins Meer zurückgekehrt sind, machen sich die so genannten "Daunenladies" an die Arbeit. Sorgsam zupfen sie den Brustflaum aus den Nestern, mit dem die Vögel die Eier gewärmt haben und reinigen ihn in einer "Daunenharfe".

Aus dem wertvollen Material - auch "das Gold von Helgeland" genannt - stellen sie die wärmsten und teuersten Federbetten der Welt her. Alles in Handarbeit. Ein Oberbett wiegt nur circa ein Kilogramm und kostet etwa 5000 Euro. Wer eines bestellen möchte, muss jedoch neben Geld auch Geduld haben. Die Warteliste ist lang, denn jedes Jahr lassen die Enten Federn für nur sieben bis acht Füllungen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts ernteten die Frauen die Daunen der Eiderenten, die als heilig galten und verdienten damit oft mehr Geld als ihre Männer, die zum fischen aufs Meer ruderten. Heute wird die Tradition noch auf acht Inseln gepflegt. Diese sind besonders geschützt. Von Mitte April bis Ende Juli verbietet sich hier deshalb eine Anlandung mit dem Kajak.

Seite 1 von 2
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin online 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH