Mittwoch, 8. Juli 2015

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Gebetstanz und Pflanzenretter Auf den Spuren der Mayas in Chiapas

Gebetstanz und Pflanzenretter: Auf den Spuren der Mayas in Chiapas
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TMN

Die bevorstehende Zeitenwende im Kalender der Mayas erregt weltweit Aufsehen. Mexiko hofft auf einen Touristenboom in den Tempel- und Pyramidenruinen. Die Nachfahren der Erbauer im Bundesstaat Chiapas profitieren davon aber kaum.

San Cristóbal de las Casas - Der Kirchenraum von San Juan Chamula ist voll besetzt. Auf dem losen Teppich aus langen Piniennadeln sitzen Hunderte von Menschen in kleinen Gruppen dicht beieinander. Die Frauen tragen lange Röcke aus schwarzem Schafsfell, die Männer helle Sombreros. Auf dem Boden haben sie Hunderte Kerzen aufgestellt. Die Menschen singen, sprechen, gestikulieren. Zwei ältere Frauen tragen qualmende Kelche durch die Menge. Viele bewegen sich im Rhythmus der Musik hin und her. Der Rauch vermischt sich mit dem Duft der Kerzen und der Piniennadeln.

Der Patronatstag der Virgen del Rosario, der Jungfrau des Rosenkranzes, ist einer der wichtigsten Festtage des Mayavolkes der Tzotzilen. An diesem Sonntag pilgern mehrere Tausend Mitglieder der größten indigenen Volksgruppe des mexikanischen Bundesstaates Chiapas aus den Bergen nahe der Stadt San Cristóbal de las Casas in den Flecken Chamula. Die Straße ist dicht gefüllt mit Händlern, die Obst, Gemüse, und Haushaltsgeräte, Geschirr, Kühlschränke und Gaskocher anbieten. Und natürlich wird an allen Ecken Essen zubereitet.

In der Kirche hat der katholische Priester Ángel Gustavo López Mariscal alles im Griff. Er bereitet sich darauf vor, in diesem bunten Chaos aus Musik, Gesang, Gemurmel und Tanz eine Messe zu feiern. In seinem beigen Priestergewand schiebt er sich durch die Menschenmassen und legt den Kindern und Frauen die linke Hand auf den schwarzen Haarschopf, mit der rechten segnet er sie. "Wir respektieren ihre Kultur", sagt der Priester. "Sie haben ihre Form zu beten, und sie tun das, indem sie tanzen. Das ist ihr Gebet."

Messdiener im Schafsfell

Die großen Heiligenbilder an der linken Seite des Kirchenschiffes stellen Martha, Magdalena, Jakobus, Petrus, Thomas und Judas Thaddäus dar. Sie sind wegen des Rauchs und einem Meer aus Blumen, das sie bedeckt, kaum zu sehen. Eine Musikgruppe nach der anderen bahnt sich langsam einen Weg nach vorne.

Auch Don Ángel schunkelt im Rhythmus der Musik hin und her, als er "Hallelujah" ins Mikrofon ruft, um mit der Messe zu beginnen. "Gottes Gnade komme über uns." Gegen den Lärm kommt der kleine Lautsprecher nicht an. Die in Schafsfelle gehüllten Messdiener bringen ein Weihrauchfass zum Altar. Der Priester predigt: "Es gibt nur wenig Scheidungen und viel Liebe unter uns. Aber ich bitte Euch: Schlagt Eure Frauen nicht", und in Tzotzil fügt er hinzu: "Schlagt sie nur ein wenig, wenn es unbedingt sein muss." Zur Kommunion kommen am Ende etwa zehn Gläubige.

Da hat draußen auf dem Vorplatz schon das Fest begonnen. Jugendliche haben sich mit Masken von Stieren, Jaguaren und Fabelwesen in Dämonen verwandelt. Einige tragen Gestelle auf dem Rücken, an denen Feuerwerkskörper befestigt sind, die nun entzündet werden. Sie sollen die bösen Geister vertreiben. Priester Ángel hat derweil in der Kirche mit einer Massentaufe begonnen. Allein an diesem Tag begeben sich 200 Mayas in den Schoß der katholischen Kirche.

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