Freitag, 20. Juli 2018

Wendelsteinbahn Ein Denkmal für den Geheimrat

100 Jahre Wendelsteinbahn: Auf dem Zahnrad ganz nach oben
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Die Wendelsteinbahn umweht der Geist der Gründerzeit. Die Zahnradbahn in den bayerischen Alpen, die in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum feiert, ist ein technisches Denkmal und ein Publikumsmagnet. Für einen Eisenbahner mit Leib und Seele ist sie fast das ganze Leben.

Brannenburg - Wäre das mit der Lawine nicht passiert, Hans Vogt wäre wohl nicht 46 Jahre bei der Wendelsteinbahn geblieben. Zwar ist er in Brannenburg geboren, wo der Talbahnhof liegt und drinnen im Ort auch die Verwaltung der Wendelstein GmbH. Als Kind hat er mit seinen Freunden Pfennige auf die Gleise gelegt. Als Ministrant ist er jeden Sommer an fünf, sechs Sonntagen mit der Zahnradbahn auf den Gipfel gefahren, um oben im Kirchlein dem Pfarrer zu assistieren. Und die Schlosserlehre begann er wo? Natürlich in der Werkstatt der Zahnradbahn, gleich neben dem werkseigenen Kraftwerk, hinten im Tal am Bach.

Es war noch ein Steinbeis, der ihn 1965 eingestellt hat, wohl ein Enkel des Geheim- und Kommerzienrats Otto von Steinbeis, dem Bayern die Wendelstein-Zahnradbahn seit 100 Jahren zu verdanken hat. 1967 verkaufte die Familie die Bahn samt Kraftwerk und Bauten an die Bayerischen Elektrizitätswerke, die heute zu den Lechwerken zählen und damit zum Energiekonzern RWE. Die 1300 Hektar Waldbesitz drum herum hatten die Steinbeis schon 1933 an die Familie Henkel verkauft. Der Wendelstein - fest in der Hand des Rheinlands also.

"Ich hatte Riesen-Muffe", erinnert sich Vogt an das Einstellungsgespräch mit dem letzten Steinbeis. Doch der alte Herr sagte nur: "Die Vogts, das sind ordentliche Leute", und schon war der junge Mann engagiert. Fortan durfte er sich mit Zahnrädern und Zahnstangen beschäftigen, mit Drehgestellen und Getriebebremsen, Stromabnehmern und Fahrleitungen oder mit Motoren, die bergauf zu 70 Prozent mit der Bremsenergie des Abwärtsbetriebs fahren - im Rekuperationsbetrieb, wie er ja heute wieder sehr modern ist.

Und natürlich lebte Vogt in und mit den herrlichen gelb lackierten Wagen aus Holz, in denen die geschwungenen, glänzenden Bänke quer zur Fahrtrichtung angeordnet sind: in gegenüberliegenden Zweierreihen, die jeweils eine eigene Tür ins Freie haben.

Eigentlich wollte er weg

Nach der Meisterprüfung 1975 wollte Vogt eigentlich gehen, wie er sagt, wollte sein Wissen anderswo anbringen. Doch dann passierte das Unglück. Eine Lawine ging zu Tal, als sich gerade eine Schneeschleuder auf den Schienen vorantastete, um die Strecke frei zu räumen. Das Fahrzeug wurde in die Tiefe gerissen, fünf Männer der Besatzung starben.

Vogt war an dem Tag nicht auf der Maschine, hatte Glück, spürte aber auch Verantwortung, wollte die Firma nicht enttäuschen, als man ihn bat, den Posten des verunglückten Betriebsleiters zu übernehmen. So blieb er, wurde Eisenbahner mit Leib und Seele und kann noch heute, ein Jahr nach der Pensionierung, nicht vom Berg und seiner Bahn lassen. Tritt er aus dem Stollen, der Bergbahnhof und Gipfelhaus verbindet, so geht sein erster Blick noch immer zur kleinen Kirche aus grauem Stein: Die ist für ihn das Schönste hier oben.

Der 100. Geburtstag der Zahnradbahn in diesem Mai forderte Vogt noch einmal richtig. Er hat geholfen, eine Ausstellung im Gipfelhaus zu gestalten, führt Besucher herum, forscht in den Archiven. Der Geheim- und Kommerzienrat Otto von Steinbeis hat es ihm besonders angetan. Der Bauingenieur aus dem Württembergischen hatte sich 1863 in Brannenburg angesiedelt, weil der Familie hier ein Schloss gehörte.

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