Montag, 23. Juli 2018

Schlittschuhwandern in Schweden Vom Eis gebissen

Die Suche nach dem schwarzen Eis: Schlittschuhwandern in Schweden
Fotos
TMN

Im Winter verwandeln sich die Seen und Buchten Schwedens in riesige Eisflächen. Dann ist die Zeit für Schlittschuhwanderungen gekommen. Auf überlangen Kufen gleiten die Sportler übers schwarze Eis - ausgerüstet mit Eispickeln und Zweitwäsche für den Notfall.

Stockholm - Anders lenkt seine Kufen vorsichtig an die Kante. Nur ein Schritt trennt ihn vom tiefschwarzen Wasser. Er klopft kräftig mit dem Stock auf das Eis unter seinen Füßen. Den Touristen stockt der Atem. Aus sicherem Abstand beobachten sie den Skating-Wanderführer, bereit zur Rettungsaktion. Aber der Guide weiß, was er tut. Er kennt das Eis in der weiten Schärenlandschaft rund um Schwedens Hauptstadt Stockholm. Im Winter lebt er auf Schlittschuhen, ist immer auf der Suche nach dem perfekten Eis. "Wer es finden will, muss nach dem Wasser schauen", sagt er. Anders ist "isbitnad", wie die Schweden sagen - vom Eis gebissen.

Mit der bloßen Hand fährt der 60-Jährige in das Loch, das er mit der Spitze seines Wanderstocks in das Eis geschlagen hat. Die Ostsee unter ihm ist 30 Meter tief. Auf zehn Zentimeter bemisst Anders die glitzernde Schicht auf dem Meer. Dick genug, um eine Gruppe Skater zu tragen. Mindestens sieben Zentimeter sollten es sein, erklärt er. Meist kein Problem in Schweden: In den kalten Wintermonaten Januar, Februar und März wird das Eis auf den Seen und Buchten des Landes bis zu einem Meter dick. 25 Zentimeter reichen, um darauf mit einem Lastwagen zu fahren.

Das Eis ruft. Mit gekonnten Schwüngen schlittert Anders vom Wasser weg. Links, rechts, links, rechts, gleichmäßig holt der Schwede aus, scheinbar mühelos gleitet er über die blanke Oberfläche. Doch ganz so einfach ist es nicht. Wer selten auf Schlittschuhen steht, für den ist Tourenskaten eine Herausforderung.

Die Füße stecken in klobigen Wanderstiefeln. Unter den Zehen ist ein Eisenhaken befestigt, der in die Kufen geklemmt wird - ähnlich wie bei Langlaufskiern. Nur der vordere Fußteil ist mit dem dünnen Stahl verbunden. Die ersten Schritte erweisen sich als wackelige Angelegenheit. Ein Schieben, Schaben und Stolpern beginnt, bis der eigene Rhythmus gefunden ist und die überlangen Kufen übers Eis gleiten. Knapp einen halben Meter sind die wenige Millimeter dünnen, messerscharf geschliffenen Schienen lang - zum Pirouettendrehen absolut ungeeignet.

Wacklige Angelegenheit auf doppeltem Boden

Sicher bahnt sich Anders den Weg über das Eis. Gleichmäßig geht es dahin. Ein Klacken, wenn die Schlittschuhe aufsetzen, ein Kratzen, wenn sie darüber hinweggleiten. Ansonsten nur das Heulen des Windes, der eigene Herzschlag und die unberührte Landschaft. Manchmal tauchen am Horizont schemenhaft andere Läufer auf. Synchron in langen Reihen skaten sie hintereinander, getaucht in gleißendes Sonnenlicht, das das Eis fast schmerzhaft in die Augen strahlen lässt. Kommt der Wind von hinten, heißt es weitergleiten, immer weiter.

Doch das Schweben über das perfekte, schwarze Eis, durch das die Tiefe des Meeres schimmert, währt nicht ewig. Manchmal bedeckt Schnee die spiegelglatte Oberfläche und bremst die Schlittschuhe unsanft. Schmilzt er wieder, bildet sich eine rauhe Buckelpiste. Den einen oder anderen Fahrer hebt es da schon mal aus den Kufen.

Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt kann die oberste Eisschicht außerdem weich werden. Wenn sie zerklirrt, bricht der Eisläufer zwar nicht ein. Doch auf doppeltem Boden sind Gleichgewichtssinn und Reaktionsvermögen gefragt. "Man muss einen Blick für das unterschiedliche Eis entwickeln", sagt Anders.

Besonders Niederländer begeistern sich fürs Tourenskating. Zu Hause gehören viele einem Eislaufverein an, regelmäßig drehen sie im Stadion ihre Runden. Um in den Genuss des Natureises zu kommen, reisen sie nach Schweden. Frostige Winter sind in den Niederlanden selten geworden.

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