Sonntag, 24. März 2019

Kroatien Ein Land mittendraußen

Kroatien: Wind, Weite, Abenteuer
Arthur F. Selbach

Im Bildergedächtnis scheinen sich Urlaubskataloge und Kriegsberichterstattung gegenseitig aufzuheben. An pastellfarbene Sonnenuntergänge denkt man bei Kroatien heute genauso wenig wie an Militärkonvois. Schriftstellerin Juli Zeh macht sich auf die Suche nach der Identität des Staates.

Zagreb - Der Balkan ist wie der Horizont. Je mehr man darauf zufährt, desto weiter rückt er in die Ferne. Von Österreich aus gesehen beginnt er an der slowenischen Grenze. Für die Slowenen ist Kroatien das westlichste Land des Balkans. Und fragt man einen Kroaten, so deutet er in alle Himmelsrichtungen: Der Balkan beginnt natürlich in Bosnien, Bulgarien, Ungarn! Schnaps am Mittag, unpünktliche Busse, alte Frauen mit schlechten Zähnen - Kroatien ist nie und nimmer ein Balkanland.

Wer heute nach Kroatien reist, unternimmt eine Expedition in ein Land zwischen die Grenze zwischen Gestern und Heute. Im westeuropäischen Bildergedächtnis scheinen sich Urlaubskataloge und Kriegsberichterstattung gegenseitig aufzuheben. Kroatien liegt irgendwie dazwischen.

Zu Südosteuropa gehört Kroatien übrigens auch nicht. Schließlich liegt Zagreb westlicher als Wien und nördlicher als Mailand, ein kleines bisschen wenigstens. Nach seiner geographischen Verortung befragt, breitet Kroatien die Arme aus und dreht sich einmal um sich selbst: Mitteleuropa, ganz klar! Aber was soll das eigentlich sein, Mitteleuropa? Sinngemäß hat Henry Miller einst formuliert, dass die Wahrheit immer an den Rändern liege, während die Mitte der Dinge leer sei. Vermutlich hat er nicht geahnt, wie gut diese Erkenntnis eines Tages auf Europa passen würde.

Als ich vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Kroatien fuhr, war das noch eine Reise an die Ränder Europas, wenn nicht sogar darüber hinaus. Kaum war ich aus dem Zug gestiegen, ereilte mich ein Kulturschock der besonderen Art. Mein Kopf war noch immer angefüllt mit jenen Fernsehbildern aus "Ex-Jugoslawien", die während des Krieges jahrelang die Nachrichten dominiert hatten.

Das sah aus wie ganz normales Europa

Plötzlich aber stand ich in Zagreb auf dem Tomislav-Platz, umgeben von prachtvollen Gründerzeitbauten, die an Wien oder Krakau erinnerten, und fühlte mich im falschen Film. Das sah doch aus wie ganz normales Europa und nicht wie ein Kriegsgebiet! "Keine Ahnung, was ich erwartet habe", schrieb ich in mein Reisetagebuch. "Wahrscheinlich einen riesigen Bombenkrater, an dessen Rand in Lumpen gehüllte Flüchtlinge sitzen."

Aus heutiger Sicht scheint das nicht zehn, sondern hundert Jahre her zu sein. Die Frage, was uns die Balkan Kriege über den Zusammenhang von "Kriegsgebiet" und "ganz normalem Europa" erzählen konnten, haben wir nicht beantwortet, sondern vergessen. Unter dem Tomislav-Platz befindet sich heute tatsächlich ein "Krater", nämlich eine jener unterirdischen Shoppingmalls, die Klone überall auf der Welt besitzen und an nichts erinnern außer an sich selbst.

Wer an Kroatien denkt, sieht nicht länger zerstörte Häuser, weinende Kinder und Militärkonvois vor dem geistigen Auge. Aber auch keine Olivenbäume, Weißweinkaraffen und pastellfarbenen Sonnenuntergänge. In puncto Bildergedächtnis scheinen sich Urlaubskataloge und Kriegsberichterstattung gegenseitig aufzuheben. Kroatien liegt irgendwie dazwischen. Die westeuropäische Meinung ist nicht einmal sicher, ob die Kroaten im Krieg als Täter oder Opfer fungierten. Die Serben waren die Bösen, die Bosnier die Guten. Und die Kroaten? Dazwischen.

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