Montag, 21. Januar 2019

Schottische Highlands Lavendelfarbene Einsamkeit

Die Highlands im Norden Schottlands sind eine Wildnis von rauer Schönheit. Im Landsinnern liegen karge Berge mit tiefen Tälern, dunklen Wäldern und beinahe schwarz funkelnden Seen. An der Küste finden sich windumtoste Inseln. Und das Wetter ist immer unberechenbar.

Kincraig - Bewegungslos sitzt sie im Gebüsch und lugt aus gelb-grünen Augen zwischen den Blättern hervor: Die Wildkatze ist eine scheue Einzelgängerin und nur dort heimisch, wo sie weitgehend ihre Ruhe hat. In den knorrigen Kiefernwäldern der schottischen Highlands schleicht sie noch durch das Unterholz. Doch um das Raubtier in freier Wildbahn zu treffen, braucht es viel Glück. "Da ist es wahrscheinlicher einem Tiger in Sibirien zu begegnen", sagt Douglas Richardson. "Von denen gibt es mehr."

Das Walkie-Talkie des Wildhüters knackt, der braun-schwarz getigerte Schwanz der Wildkatze zuckt alarmiert - und im nächsten Moment ist sie auch schon verschwunden. Richardson, buschige Augenbrauen und grauer, zotteliger Bart, richtet sich auf. Der Wildhüter des Highland Wildlife Park hat schon in Tierparks und Zoos auf der ganzen Welt gearbeitet. Doch nach Stationen in Kanada und Singapur zog es ihn zurück in die Heimat. "Und da bleibe ich jetzt auch", sagt er.

Der Arbeitsplatz des 53-jährigen Schotten liegt im Süden der Highlands, im Gebiet der Cairngorm Mountains, einer Landschaft geprägt von sattgrünen Tälern vor rauem Bergpanorama. Mit seinen 4528 Quadratkilometern ist dieses Naturschutzgebiet Großbritanniens größter Nationalpark. Hier ragen einige der höchsten Berge der britischen Insel in den Himmel.

Mit dem Bus sind es von Edinburgh knapp vier Stunden nach Kincraig, einem 500-Seelen-Dorf am Rande des Am Monadh Ruadh, des roten Gebirges, wie die Cairngorm Mountains auf Gälisch heißen. Je näher der Bus Kincraig kommt, desto weniger Fahrgäste werden es. "Kincraig? Was wollen Sie denn hier?", fragt der Busfahrer scherzhaft einen Touristen beim Aussteigen.

Tiere aus der ganzen Welt machen den Wildlife Park zur Attraktion

Hinter dem Ort, in den dunkelgrünen Wäldern mit ihren schwarz-weiß gestreiften Birken und knorrigen Kiefern leben Auerhähne, Eichhörnchen und Rothirsche. Hier ist auch der Schottische Kreuzschnabel heimisch, eine ziegelrote Finkenart, die es nur in Schottland gibt. In den Mooren sind die Rufe der Schneehühner zu hören, in den zahlreichen Flüssen und Seen, den Lochs, jagen Otter und Fischadler. Doch nach Wildnis fühlt sich das alles trotzdem nicht an.

Statt Menschenleere ist hier das klassische Publikum eines Naherholungsgebiets anzutreffen: Jogger auf Waldpfaden, Familien, die vom Parkplatz zur nächsten Picknickgelegenheit wandern, und Herrchen, die ihre Hunde Gassi führen. Eine Idylle, das scheint die Cairngorm-Region zu sein. Doch eine ungezähmte Wildnis?

Der Highland Wildlife Park nahe Kincraig verstärkt diesen Eindruck. Der Tierpark lockte mit einheimischen Tieren allein nicht genügend Besucher an, deshalb wurde er kurzerhand um Tiere aus der ganzen Welt erweitert, die in dem gleichen kühlen Klima wie in Schottland leben. Das Ergebnis sind Eisbären, Sibirische Tiger und chinesische Bergziegen als neu eingebürgerte Highlander.

Mitten in Schottland erklingt so das Brüllen eines Amur-Tigers neben dem Röhren eines einheimischen Rothirschs über die Hügel des Parks. "Seit es Eisbären und Co. gibt, strömen die Besucher nur so herbei", sagt Wildhüter Douglas. Vorbei an Herden von Wildpferden, Bisons und Rothirschen begeben sie sich mit ihren Autos auf schottisch-exotische Safari.

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