Montag, 20. August 2018

Wandern im Himalaya Wilde Träume in Shangri-La

Nepal: Schritt für Schritt durch den Himalaya
Fotos
TMN

Eine Wanderung durch das Annapurna-Massiv ist Himalaya light. Auf dem Applepie Trek gibt es in regelmäßigen Abständen Lodges - und Apfelkuchen. Doch wer den Aufstieg auf den rund 5500 Meter hohen Pass Thorong La unterschätzt, kann mit dem Leben bezahlen.

Kathmandu - Ein bisschen nervös ziehen wir in der Dämmerung die Schulterriemen unserer Rucksäcke fester. Ingwertee wärmt die in der Morgenluft klamm gewordenen Finger. Weniger als 200 Kilometer trennen uns vom lauten Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Von dort sind wir am Vortag mit dem Jeep durch Festivalstaus nach Bhulbule gelangt. Ein letztes Mal Motorenlärm. Zehn Tage Stille liegen vor uns. "More walk, less talk" hatte uns der Mann an der Hotelrezeption hinterhergerufen. Er sollte recht behalten.

Die Erwartungen an eine Reise durch den Himalaya sind so vielschichtig wie die Natur der Region. Der eine sucht nach Superlativen - und findet sie. Eine Wanderung durch das Annapurna-Massiv führt über den Thorong La, mit fast 5500 Metern der höchste dauerhaft begangene Pass der Welt. Von hier sieht man den Annapurna I, mit einer "Todes-zu-Erfolgs-Rate" von eins zu eins der gefährlichste Berg der Welt. Ein Abstecher führt zum Tilicho Lake, dem höchstgelegenen See der Erde. Der andere will nichts Geringeres finden als Shangri-La - das sagenumwobene Paradies des Ursprungs, das der Sage nach hier irgendwo zwischen den Bergriesen liegen soll. Fast jeder aber sucht nach Entschleunigung in der Bewegung.

Noch ist die Stille ein einziges Dröhnen. Flankiert von donnernden Wasserfällen beginnen wir unseren Marsch, umgeben vom satten Grün der Reisterrassen. Hupendra, der uns als Guide über die 162 Kilometer lange Strecke begleiten wird, gibt den Takt vor. Ein Tempo, bei dem ein normaler Spaziergang durch die Fußgängerzone wie ein Sprint erscheint. Doch wir vertrauen dem Mann aus der Everest-Region. "Ihr werdet sehen: Wir holen alle Raser wieder ein", sagt er. "Spätestens am Pass." Die Hitze lässt binnen weniger Stunden ohnehin jeglichen sportlichen Ehrgeiz verdampfen.

Die saftige subtropische Landschaft weicht am Ufer des Marsyandi-Flusses langsam dichten Eichenwäldern. Einatmen. Ausatmen. Loslassen. In den kommenden Tagen verinnerlichen wir den Rhythmus der Berge. Im Gänsemarsch schweigen wir uns durch die Landschaft, die mit zunehmender Höhe alpiner wird. Immer ist ein bis zu 8000 Meter hoher Schneeriese in Sicht. "Ukkalo-orralo, yo Nepal ho - Hoch und runter, das ist Nepal!": Bergauf und bergab wandern wir durch Farndschungel und knorrige Zauberwälder. Apfelbäume gehen über in Fichten- und Föhrenwälder. Graue Felsplatten und braun verbrannte Flure verdrängen das tiefe Grün von wildem Hanf, Reisfeldern und Bambushainen. Verspielte Affenbanden weichen scheuem Wild, meckernden Ziegenherden und behäbigen Yaks.

Ausbruch aus dem ewigen Kreislauf des Lebens

Je weiter wir Richtung Norden gelangen, desto mehr durchdringt der Buddhismus die Landschaft des mehrheitlich hinduistischen Nepals. Gebetsfahnen flattern im Wind und tragen weiß, rot, grün, gelb und blau segensreiche Worte in den Himmel. Gebetsmühlen flankieren die kleinen Siedlungen mit den flach gedeckten Steinhäusern. Das allgegenwärtige Mantra "Om mani padme hum" begleitet uns auf unserem Halbkreis durch die Berge. Das Rezitieren soll den Ausbruch aus dem ewigen Kreislauf des Lebens beschleunigen.

"Namaste" grüßen die Männer, die schwer bepackte Mulis über die manchmal nur hüftschmalen Pfade führen. "Das Göttliche in mir verneigt sich vor dem Göttlichen in dir." Beim Abendessen erklärt uns Hupendra, was es mit den bunt bemalten Steinen am Wegesrand auf sich hat. Es sind Mani-Wände, Mantren in Stein. Er selbst sei Animist, sagt er, Anhänger einer Urreligion, die keine Götter kennt. Nur die Natur selbst. Seit etwa 30 Jahren lebe dieser archaische Glaube vor allem im Osten des Landes wieder auf. Bereits nach wenigen Tagen können wir verstehen, warum.

Langsam werden die Berge auch körperlich spürbar. Je höher es geht, desto öfter ermahnt uns Hupendra zur Vorsicht. Knoblauchsuppe und literweise Ingwertee sollen uns vor der Höhenkrankheit schützen, die besonnene Trekker umkehren lässt - und jedes Jahr weniger besonnene tötet.

In Manang legen wir auf 3500 Metern Höhe einen Tag Akklimatisierungspause ein. Internationale Ärzteteams der "Himalayan Rescue Association" klären hier während der Hochsaison täglich Bergsteiger über Symptome und Folgen der Höhenkrankheit auf. "Ich habe selten auf einer Reise buchstäblich so viele Höhen und Tiefen erlebt", sagt die kopfschmerz- und grippegeplagte Antje aus Dresden, die wir in einer der vielen Bäckereien treffen. Von der Höhensonne verbrannte Ohren und ein Bärenhunger bleiben zum Glück unsere einzigen Beschwerden. Zumindest der Hunger ist in Manang mit Apfelkuchen und Zimtschnecken leicht zu lindern.

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