Mittwoch, 19. Dezember 2018

Lódz Neues Leben in alten Fabriken

Eine Schönheit ist Lódz nicht. Der Zusammenbruch der Textilindustrie nach der Wende hat der drittgrößten Stadt Polens hart zugesetzt. Viele sind weggezogen, ganze Straßenzüge grau und marode. Doch in den verlassenen Fabriken regt sich etwas - Kunst und Kultur blühen auf. Und 2016 will Lódz jetzt auch Kulturhauptstadt werden.

Lódz - Nein, eine Schönheit ist Lódz nicht. Mit Danzig oder Krakau kann die Stadt nicht mithalten. Vieles sieht hier noch grau aus, etliche Fassaden bröckeln nach wie vor. Doch auch die Veränderungen der vergangenen Jahre sind nicht zu übersehen: Die Hauptstraße Piotrkowska ist inzwischen ausgesprochen lebendig.

Restaurants, Kneipen und Bars, in denen auch am späten Abend einiges los ist, reihen sich hier aneinander. Die Fabrikbauten des 19. Jahrhunderts werden nun als Lofts, Galerien oder Museen genutzt. Und im Jahr 2016 will Lódz sogar Europäische Kulturhauptstadt werden.

Lodsch heißt die Stadt auf Deutsch, Lódz schreibt sie sich auf Polnisch. Viele Touristen müssen zweimal hinhören, wie das klingt, wenn es richtig ausgesprochen wird: "Wutsch". Lange war Lódz die zweitgrößte Stadt Polens. Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie verschwanden aber Tausende von Arbeitsplätzen. Die Stadt hat dadurch rund 200.000 Einwohner verloren und ist auf Platz drei hinter Warschau und Krakau gelandet. Und ähnlich wie in Manchester, mit dem Lódz oft verglichen wird, gibt es nach dem Ende der Industrien aus dem 19. Jahrhundert neues Leben in den alten Fabriken.

Um das Jahr 1800 war Lódz eine trostlose Ansammlung von Holzhütten, ein Kaff mit nur ein paar Hundert Einwohnern, das politisch zum Zarenreich gehörte. Aber dann explodierte die Einwohnerzahl, als der Zar beschloss, die Ansiedlung von Textilfabriken zu fördern. Um das Jahr 1900 lebten schon eine halbe Million Menschen in der Stadt. "Das gelobte Land" wurde Lódz damals genannt, und so lautet auch der Titel eines in Polen berühmten Romans des Literaturnobelpreisträgers Wladyslaw Reymont.

Im sozialistischen Polen war die Textilindustrie noch ein wichtiger Produktionszweig. Nach 1989 kam die Wende auch in dieser Hinsicht. Heute lebt die Erinnerung an das industrielle Erbe wieder auf. Die Fabriken und die verschwenderisch ausgestatteten Paläste ihrer Besitzer werden zu Touristenattraktionen. Karl Wilhelm Scheibler war einer der berühmtesten Fabrikanten. Einst gehörte ihm ein Siebtel der Stadtfläche, seine Spinnerei war die größte in Lódz, sein altes Fabrikgelände im Stadtteil Pfaffendorf wirkt noch heute riesig.

Vor dem Hauptgebäude steht eine alte Dampfmaschine aus Manchester. Rund 7500 Beschäftigte arbeiteten hier Ende des 19. Jahrhunderts. Es gab eine eigene Schule, eine Apotheke und ein Krankenhaus. "Scheibler hat gut geheiratet", erzählt Anna Józwiak bei einer Führung über das Gelände. "Seine Frau Anna Werner hatte eine ordentliche Mitgift." Und so wurde der Fabrikant zum "polnischen Baumwollkönig". Als er 1881 starb, soll sein Vermögen 12 Millionen Rubel betragen haben - eine gigantische Summe. Ein Arbeiter verdiente damals 5 Rubel pro Woche.

Seite 1 von 4

© manager magazin 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH