Donnerstag, 19. Juli 2018

Klockmann Reisekultur im Maßanzug

Heimliche Besuche bei der Geliebten, verschlossene Koffer voller Geld und Juwelen sowie eine Elefantenledertasche des Roten Barons - Geschichten ranken sich viele um die Gepäckstücke des Hamburger Traditionsbetriebs Klockmann. Kein Wunder: Aus edlen Materialien maßgefertigt, haben die Koffer und Taschen das Zeug, Generationen zu überdauern.

Hamburg - So wäre Jules Verne gereist: edles Leder, aufwendige Nähte und eine Form, die sich selbstbewusst gegen den Massengeschmack stemmt. Wer mit einem Hemdenkoffer von Klockmann reist, fällt auf. Schon in der Schlange am Ticketschalter wird deutlich, dass man es nicht mit einem gemeinen Hackenporschefahrer zu tun hat, sondern mit einem Liebhaber erlesener Equipage.

Zugegeben, wirklich leicht sind sie nicht. Mit an Bord nehmen die meisten ihren Hemden- oder Blusenkoffer daher wohl nicht. Und wer ein buntes Label braucht, um sich selbst und den Mitreisenden durch konstante Wiederholung auf der Oberfläche den Preis der Tasche ins Bewusstsein zu rücken, ist hier fehl am Platz. Klockmann-Koffer sind schlicht - hanseatisch zurückhaltend.

Entschleunigung zum Mitnehmen

Alteingesessenen Hamburgern ist der Name Klockmann bis heute ein Begriff. 1902 von Ernst Klockmann als "Geschäft für Reisebehälter" gegründet, kann das Unternehmen auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückblicken und gehörte mit zeitweise sieben Filialen einst zu den bekanntesten Geschäften Hamburgs. Das Klockmann-Haus in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs zeugt heute noch von einstiger Größe.

Der gelernte Korbflechter und Lederwarenhändler verkaufte Reisegepäck zu einer Zeit, als Reisen noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Auch die Erfindung des sogenannten "Stadtkoffers" soll auf seine Kappe gehen.

2001 - fast 100 Jahre nach der Firmengründung - stand das Unternehmen dann kurz vor dem Aus: Die Zahl der Filialen schrumpfte, und als der damalige Inhaber und Enkel des Firmengründers, Jürgen Schröder, mit über 60 Jahren keinen Nachfolger findet, verkauft er das Geschäft samt Markenrechten an die Dörling KG.

Doch die hat mit dem bekannten Spezialgeschäft ganz eigene Pläne: Statt wie früher feine Lederwaren an die betuchte Kundschaft zu bringen, konzentrieren sich die neuen Eigentümer aufs Reparaturgeschäft. Sie bauen den Traditionsbetrieb zu einer der größten Reparaturwerkstätten für Koffer und Reisegepäck in Europa aus.

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