Santiago de Compostela - Vor einem Jahr konnte sie kaum laufen. Nach einem schweren Fahrradunfall wäre Rosi Brüggenwerth aus Schwerte fast gestorben. Hüftbruch, Beckenbruch, Lungenembolie. Jetzt will sie wieder ihren Körper spüren. Schritt für Schritt geht die schlanke Frau, bis sie nur noch den Takt der eigenen Füße fühlt. Sie ist 60 Jahre alt, blond und trägt immer Lippenstift. "Das Ziel zieht", sagt sie. Auf dem Rücken ein acht Kilo schwerer Rucksack, an dem eine Jakobsmuschel baumelt, das Erkennungszeichen der Pilger.
Am Ende wird sie etwa eine Million Schritte gegangen sein. Das sind rund 700 Kilometer von Pamplona bis Santiago de Compostela, bis zum Grab des Apostels Jakob. Rosi will sehen, was mit ihr in dem Monat passiert. Am Anfang ist die Motivation. Das Gefühl, angekommen zu sein, soll folgen. Dazwischen liegt ein Weg.
Der Jakobsweg ist neben den Strecken nach Rom und Jerusalem eine der großen Pilgerrouten der Christenheit. Auf einigen der Steine des Weges sind schon im Mittelalter Wanderer gelaufen. Von Deutschland, den Niederlanden oder Italien gibt es noch Wege bis nach Spanien, die sich alle auf dem "Camino francés" bei Puente la Reina treffen, der Hauptroute der Jakobspilger.
Viele Motive, ein Ziel
Im Mittelalter gingen die Menschen den Jakobsweg auf der Suche nach einer Wunderheilung oder damit Gott ihnen ihre Sünden vergibt. Eine Jakobspilgerschaft zählte so viel wie die Teilnahme an einem Kreuzzug. Heute sind die Motive so verschieden wie die Pilger. Nur das Ziel ist dasselbe.
Viele der rund 100.000 Pilger jährlich sind heute nicht auf der Suche nach Gott, sondern nach sich selbst. Oder einem Ausweg. Ein Kanadier erzählt, dass er den Weg schon zweimal gegangen sei, um eine Entscheidung zu treffen. Nach dem ersten Mal gab er seinen Job als Chemiker auf und wurde Musiker, nach dem zweiten Mal trennte er sich von seiner Frau.
Beim dritten Anlauf genießt er einfach den Weg ohne zu grübeln - und spaziert mit einer jungen Israelin an der Hand vorbei. Zusätzlicher Ansporn für die Strapazen ist eine Pilgerurkunde, die "Compostela", die jeder bekommt, der die letzten 120 Kilometer zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer geritten oder geradelt ist. Stempel, die in den Herbergen oder Kirchen vergeben werden, dokumentieren den Weg.
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