Schildkrötenrennen und Kokoskuchen
Dass das alte Key West überleben konnte, mag auch an dem überall wuchernden Tropendickicht liegen. Undurchdringlich und betäubend, hält es selbst die Sorge über die explodierenden Lebenshaltungskosten außen vor - die meisten Insulaner arbeiten in zwei oder drei Jobs, um ihre Rechnungen bezahlen zu können.
Besucher begegnen der alten Zeit, sobald sie den Mallory Square verlasen. Sofort hängt Jasminduft schwer in der Luft, irgendwo quietscht eine Tür, ein Hahn kräht. Hier verstecken sich jene Oasen, denen Key West sein Image verdankt. Oder könnte man sich das Freitag abends im Restaurant "Turtle Kraals" stattfindende Schildkrötenrennen auch in Miami vorstellen? Würde man in Palm Beach ebenso leicht Menschen wie Nancy Forrester treffen? Ihr "Secret Garden", ein 4000 Quadratmeter großer Regenwald an der Elizabeth Street, ist das Resultat ihres unermüdliches Kampfes gegen die Betonierung der Insel.
Wie Hemingway vor 60 Jahren essen und trinken können Urlauber im Bahama Village, dem historischen Schwarzenviertel von Key West. Hier gibt es zum Beispiel frischen Kokoskuchen in "Henrietta's The Art of Baking", einer kleinen Bäckerei an der Petronia Street. Oder Shrimps und Key Lime Pie, die berühmte Limettentorte, im Restaurant "Blue Heaven", wo Hemingway einst Hahnenkämpfen zusah und Katzen und Hühner bis heute zum charmant verlotterten Inventar gehören.
In der "Schooner Wharf Bar" geht der Barkeeper ein wenig in die Knie. Dann kneift er ein Auge zusammen, peilt über den Zapfhahn den Stand der Sonne und sagt "zwanzig vor fünf". Dabei verzieht er das Gesicht, als habe jemand ein Glas Milch bestellt. Ein paar Enklaven des alten Key West gibt es noch. Und sie leisten Widerstand gegen den Massentourismus mit der berühmten Leichtigkeit, die hier "Key spirit" heißt und den Besucher einlullt, sobald er sich treiben lässt.
Dann stößt er fast zwangsläufig auf Perlen wie diese aus Treibgut zusammengestellte Bar, wo der Mann hinter der Theke die Theorie aufstellt, dass nur mit Fidel Castros Hilfe alles wieder so werden könne wie früher. Wie das? Der Barkeeper lächelt listig und gießt Rum über die Eiswürfel. "Wenn Fidel stirbt, werden unsere Fähren nur so nach Havanna rasen und Key West links liegen lassen." Ob er das gut oder schlecht findet, behält er für sich, und über den Gläsern steigen knisternd kleine Kältewolken auf.
Ole Helmhausen, dpa
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