Von Martin Cyris
Carving-Ski per Internet aus der Schweiz
Wer nachts auf die Piste will, findet in Uludag eine Hand voll Bars und Diskotheken. Gefeiert wird manchmal bis tief in die Nacht. Skizirkusnummern wie Après-Ski mit Promille-Garantie kennt man dagegen nur vom Hörensagen. Das Skifahren gilt in der Türkei als teures Hobby der gehobenen Klasse. Uludag ist deshalb ein Hotspot für die Reichen aus Bursa und Istanbul. Es finden sich häufig Prominente ein, türkische Popstars oder Balltreter. Der deutsche Fußballtrainer Christoph Daum soll während seiner Istanbuler Zeit in Uludag regelmäßig die Skier ausgepackt haben.
Wer nicht zum Jetset gehört und trotzdem wedeln will, der legt sein Geld auf die hohe Kante. Wie Yusuf aus Istanbul. Der zweifache Vater ist mit der kompletten Familie in Uludag. "Ich spare das ganze Jahr für den Skiurlaub", sagt er. Als skifahrender Normalverdiener ist Yusuf für seine Landsleute ein Exot. Auf den Geschmack gekommen ist er via Satellitenfernsehen. Beim Rumzappen habe er über einen österreichischen Sender mal zufällig das berühmte Hahnenkammrennen in Kitzbühel gesehen. Seitdem lässt ihn der Brettlspaß nicht mehr los. Seine topmodernen Carving-Ski hat er sich via Internet in der Schweiz bestellt und in die Türkei liefern lassen.
"Schneewalzer" zum Raki
Als Uludags erster Skifahrer gilt übrigens ein deutscher Physik- und Philosophieprofessor. Hans Reichenbach emigrierte in den dreißiger Jahren aus Deutschland in die Türkei. Weil er auf sein geliebtes Skifahren nicht verzichten wollte, suchte er im weiteren Umkreis von Istanbul nach geeignetem Gelände. Und fand es am Uludag. Übrigens ein erloschener Vulkan und in der griechischen Mythologie als Olympos Misios erwähnt. Reichenbach veranstaltete für deutsche Kollegen in Istanbul regelmäßig Skiausfahrten an die Hänge des Uludag-Gebirges. "Zuerst staunten die Einheimischen, dann machten sie es dem Deutschen nach", erzählt Erdal, unser Skiguide.
Zwar ist es auch in Uludag längst nicht mehr wie zu Großvaters Zeiten, aber der Skisport wird dennoch relativ genügsam und zurückhaltend ausgeübt. Ein Vorteil für stille Genießer. Pistenrambos gibt es so gut wie keine, alkoholisierte schon gar nicht. Umso erstaunter sind wir, als uns die Hotelkapelle beim Abendessen mit einem deutschen Schunkellied begrüßt: "Trink, trink, Brüderlein trink!", um gleich noch den "Schneewalzer" hinterherzuschicken. Erdal besteht darauf, dass die Runde darauf einen Raki zu sich nimmt. Mit Wasser vermengt wird der Anisschnaps im Handumdrehen schneeweiß. In Uludag wird man eben auch ohne Jagertee glücklich.
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