Von Winfried Bährsch
Das gemütliche Restaurant "Chasellas" gehört zum Hotel "Suvretta", bietet aber leider nicht mehr ganz die Solidität, die es immer ausgezeichnet hat. Die Currysuppe mit Scampi schmeckt so mäßig wie der am Knochen gebratene Seeteufel, nur das Zwetschgensorbet erfreut. Vielleicht liegt’s ja am Vieille Prune und am sympathischen Service, dass wir uns trotzdem wohlfühlen.
Zum Glück gibt es ja "Jöhri’s Talvo", für Feinschmecker das einzige Gipfel-Erlebnis in St. Moritz. Die nimmermüden Brigitte und Roland Jöhri halten den Standard in ihrem edel-behaglichen Restaurant sehr hoch, mit einer Sauerkrautcreme, hausgemachter Kuttelwurst mit Kartoffelpüree, aber auch mit grandiosen Scampi auf asiatischem Gemüse mit warmen Ingwer-Sushi.
Höhepunkt im Winter ist ein sensationelles im Ofen gebratenes Engadiner Kalbskarree mit Rosmarin und Wintergemüse. Wenn dann die formidable Damenriege Mandarinen-Halbge-frorenes mit Bananen-Passionsfrucht-Kompott serviert und der Sommelier seine erstklassigen Weine kredenzt, ist die Frage beantwortet, ob jemand den Jöhris jemals den Spitzenplatz streitig machen könnte.
In den Bergen hält Reto Mathis die Feinschmeckerfahne hoch. Zwar ist die Hütte "El Paradiso" noch schöner geworden und die "Chesa Chantarella" an den Pisten von Salastrains unter neuer Regie vom "Kempinski Grand Hotel des Bains" mit Ehrgeiz gestartet. Der Garant für ausgezeichnete Küche über 1800 Metern aber bleibt "Mathis Food Affairs". Die 0815-Hütten mit ihren teuren Retortensuppen lassen wir ohnehin links liegen.
"Weniger ist mehr", meint Mathis und konzentriert sich voll auf die Qualität in seinem Restaurant mit Traumblick auf die Piste. Einen Gang zugelegt hat seine Küche: Das Rindscarpaccio mit schwarzen Trüffeln serviert Mathis in Rosmarin-Oliven-Vinaigrette, den Hirschrücken mit Kräuterpolenta in duftender Jus und den gebratenen Thunfisch mit wasabi-Kartoffel-Püree in Soja-Chili-Sauce.
Die Weine zeigen in 2486 Meter Höhe ihre Wirkung, wieder einmal ist Mathis’ "Affäre" auf der Corviglia die Endstation. Es bleibt Zeit, noch ein wenig zu plaudern. Reto Mathis stimmen die Veränderungen im Dorf nachdenklich. "Vielleicht", sinniert er, "fehlt in St. Moritz schon bald weniger Glamour als vielmehr eine urige Engadiner Stube mit deftigen pizzoccheri."
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