Dienstag, 11. Dezember 2018

Paul Nicklens spektakuläre Bilder aus dem Eis Allein unter Bären und Orcas

Ice, ice, baby: Spektakuläre Bilder aus dem Eismeer
Photo © 2018 Paul Nicklen. All rights reserved

Unter Bären fühlt er sich sicherer als in den Straßenschluchten New Yorks. Als er während eines Schneesturms Spitzbergen eingeschneit war, sah er den Eisbären vor dem Fenster der Hütte. In der Arktis fotografierte er Narwale, die Einhörner der Meere, die sich mit bis zu zwei Meter langen Stoßzähnen zwischen den Eisfloßen duellierten, in der Antarktis ein Dutzend Königspinguine, die aus dem Meer springen.

Paul Nicklen, 50, Kanadier, ist einer der berühmtesten Tierfotografen der Welt. Er kommt aus Kimmirut auf Baffin Island, einem Dorf in Nordkanada, so winzig, dass alles, was man dort braucht, einmal im Jahr mit dem Boot angeliefert wird. Er gehörte zu den einzigen beiden Nicht-Inuit-Familien. Es gab kein Telefon, Radio, Fernsehen, eine Kindheit auf dem Eis. Von den Inuit lernte er mehr als mit Kälte umzugehen: regungslos zu warten. Stunden verbringen Fischer vor dem Atemloch einer Robbe, wie er - für eine perfekte Aufnahme. Wenn man dafür 50 Meter unters Eis tauchen muss, kann man nicht ständig ums Überleben kämpfen.

"You need to free up your mind", sagt er. Anders geht es nicht. Unerschrocken wie seine Lebensgefährtin Cristina Mittermeier, einer Meeresbiologin aus Mexiko, die in der Karibik mit Krokodilen taucht, aber auch mit ihm in Eismeeren. Mit ihren spektakulären Fotos wollen sie aufrütteln, nichts hilft mehr als sensationelle Schönheit eisiger Welten, Kunst, gegen die Zerstörung der Natur. Nur zwei Prozent der Meere sind geschützt, 15 Prozent der Erde unseres Planeten. Wenn man bedenkt, dass die Hälfte des C02 vom Plankton der Ozeane abgebaut wird, erklärt Mittermeier, viel zu wenig. Bis 2020, so das Ziel der Vereinten Nationen, sollen es zehn Prozent sein, doch bisher sei kaum etwas passiert.

Viele hielten Meereis für tote Materie, wie einen Eiswürfel im Glas, sagt Nicklen, der nicht nur Fotograf, sondern auch Meeresbiologe ist. Aber das sei ein sehr komplexes Substrat mit mehr als 300 Mikroorganismen, die in winzigen salzigen Eiskanälen darin leben. 2014 gründete er mit Mittermeier SeaLegacy, eine Umweltorganisation, die für den Erhalt der Meere weltweit kämpft.

Buchtipp
Born to Ice von Paul Nicklen, teNeues

Paul Nicklen: Born to Ice

teNeues Media, 344 Seiten, engl., Juni 2018, 100 Euro

Jetzt kaufen

Fast eine Million Dollar haben sie 2017 gesammelt - und sechs Millionen Follower. Das Vorwort zum kiloschweren neuen Fotobuch von Paul Nicklen (siehe Kasten) schrieb Leonardo di Caprio. Als der Hollywood-Schauspieler in der Arktis, in Nordgrönland war, sah er, wie schnell das Eis schmilzt. Rapide. Fehlt das das Weiß, reflektiert das Wasser die Wärme nicht mehr, es wird wärmer, mehr Eis taut, ein Teufelskreis. Helfen da Fotos? Vielleicht.

Nichts dokumentiert das, was es zu retten gilt, die fragile Welt der Arktis und Antarktis besser als Nicklens Fotos. Besonders selten ist das eines Seeleopards. Die bis zu vier Meter langen Tiere sind neben den Orcas, den Killerwalen, die beeindruckendsten Raubtiere der Antarktis, quasi die Eisbären des Südpolarmeers, die sogar Boote zum Kentern bringen. Beim Schnorcheln ertrank 2003 eine 28jährige Meeresbiologin der Rothera Research Station. Als sie einen Eisberg vermessen wollte, zog ein großer Seeleopard die erfahrene britische Taucherin unter Wasser. Ihr Tauch-Buddy konnte nur zusehen. Tragisch.

Und was tut Paul Nicklen Jahre später? Sieht eine Seeleopardin und springt ins Wasser. Now or never, sagt sein Kollege auf dem Boot. Das Tier öffnet das Maul, eine Drohung, hält ihn mit seiner Kamera dann offensichtlich für einen schlechten Jäger. Bringt ihm erst lebende Pinguine, dann tote. Weil er sich so ungeschickt anstellt, einfach nicht fressen will, nicht begreift, dass es Futter ist, zeigt ihm, wie es geht. Versucht ihn zu füttern. Vier Tage. Die Aufnahmen sprechen für sich. "Meereis ist wie der Mutterboden im Garten. Ohne ihn wächst nichts", so Nicklen. Gibt es keine Pinguine, Robben, Narwale, Grönlandhaie, Eisbären.

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH