Samstag, 23. Februar 2019

Kilian Kerner über Kreativität, ADHS und neue Pläne "Abartig, ein Börsenkurs zu sein"

Kilian Kerner: Die Entwürfe des Modedesigners
Robin Kater

2. Teil: "Ich war geflasht. So sieht die Welt also aus, dachte ich!"

mm.de: Nach dem Ende der Firma waren Sie im Krankenhaus, wegen Schlafstörungen und Unruhe. Und bekamen eine Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitätsstörung diagnostiziert.

Kerner: Leute in meinem Umfeld hatten mir schon länger gesagt, dass ich wohl ADHS habe. Ich fand mich auch wieder in den Beschreibungen, die man über Betroffene lesen kann. Aber ich hatte Angst davor, dass Ritalin mir die Kreativität nehmen würde. Und was würde ich dann noch können? Nichts! Ich habe das Thema also zwei Jahre weggeschoben. Als ich im Krankenhaus Ritalin bekam, habe ich erstmalig erfahren, dass nicht tausend Dinge zugleich auf mich einstürmen, sondern dass alles normal und nacheinander passiert. Ich war geflasht. So sieht die Welt also aus, dachte ich! Es war wie das Gefühl, das man hat, wenn man zum ersten Mal eine Brille in der richtigen Stärke bekommt. Wow. Ich habe gedacht: Warum nur hast du das nicht schon früher gemacht, dann wärst du für viele Menschen ein erträglicherer Mensch gewesen! Durch den ganzen Druck war ich jemand geworden, den ich selbst nicht mehr richtig leiden konnte. Anstrengend. Und nicht immer nett.

mm.de: Nehmen Sie noch Ritalin?

Kerner: Regelmäßig unregelmäßig. Am Anfang jeden Tag, weil ich das neue Leben genießen wollte. Jetzt bin ich ohnehin viel ruhiger geworden, auch, weil die Belastung durch die Firma weg ist. Ich nehme es noch, wenn ich Tage habe, an denen ich mich sehr lange konzentrieren muss. Aber es ist auch ohne Ritalin einfacher geworden, weil man den Zustand schon kennt und quasi trainiert hat. Ich weiß jetzt, wo mein Schlüssel ist. Wo mein Handy ist. Jeder Mensch, der sagt, ADHS ist eine Erfindung, dem kann ich sagen: Definitiv nicht. Aber ich sehe es nicht als Krankheit. Eher als eine Besonderheit. Vielleicht eine Gabe.

mm.de: Wie arbeiten Sie jetzt?

Kerner: Ganz unterschiedlich. Mal habe ich eine Woche frei, mal arbeite ich 15 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Das finde ich meist schöner als frei zu haben. Design ist ja die pure Leidenschaft. Es gibt nichts Schöneres als diesen Prozess. Es setzt sich alles im Kopf zusammen, und irgendwann ist es fertig. Das ist wie Drogen ohne Drogen.

mm.de: Wie ist Ihr Verhältnis zu Geld?

Kerner: Es gibt Sicherheit.

mm.de: Haben Sie Schulden?

Kerner: Nein. Wirtschaftliche Probleme hatte die Firma, aber nicht ich. Ich schwimme nicht im Geld, weil ich kein Sparmensch bin. Wenn ich Geld habe, gebe ich das aus. Aber ich verdiene sehr gut. Ich muss nicht oft nachdenken, ob ich mir etwas kaufen kann oder nicht.

mm.de: Was war denn Ihr letzter Lustkauf?

Kerner: Eine Gucci-Tasche. So ein Beutel. Und Balenciaga-Schuhe. Eine neue schöne Couch.

mm.de: Bei Ihrer Tenniskollektion waren sie selbst Darsteller im Werbefilm, bei Samsonite sind Sie auch das Gesicht der Kollektion. Ist das eine Kunstfigur oder sind Sie das selbst?

Kerner: Das bin ich selbst. Tennis ist meine größte Leidenschaft überhaupt. Das fing als Kind an, als ich Steffi Graf im Fernsehen sah. Danach sagte ich zu meiner Mutter: Ich möchte das T-Shirt haben, und ich möchte den Schläger haben, und ich will Tennis spielen. Ich fing an, Tennis zu spielen wie ein Verrückter. Man musste mich vom Platz tragen. Mich hat nichts anderes interessiert: Tennis, Steffi Graf und Nena. Alles andere war mir egal. Mit 15 habe ich dummerweise aufgehört, weil ich es zu uncool fand und lieber ein Rebell sein wollte. Aber mit 35 habe ich wieder angefangen. Das ist noch ein unerfüllter Traum in meinem Leben: Einmal mit Steffi Graf Tennis spielen.

mm.de: Warum haben Sie eigentlich nie Design studiert?

Kerner: Das weiß ich auch nicht. Ich wollte ja eigentlich gar kein Designer werden. Ich wollte Schauspieler werden. Das ist mir ja alles nur passiert.

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