Montag, 26. Juni 2017

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Fashion Week Berlin Architektur am Mann

Fashion Week: Die postklassische Herrenmode von Brachmann
Fotos
Matthias Ritzmann / Brachmann

Große Mode kommt gern aus der Provinz: Hugo Boss sitzt in Metzingen, Marc Cain in Bodelshausen und Brachmann in Halle an der Saale. Letztere haben bei der Berlin Fashion Week ihren ersten großen Auftritt und wollen mit "Postclassical Menswear" überzeugen.

Berlin - Eine Stunde auf einem Podest stehen. Aber nicht so steif wie ein Zinnsoldat. Alle vier Minuten die Pose wechseln. Wenn möglich mit Liebe zum Outfit.

So lautet der Arbeitsauftrag für die männlichen Models, die am Donnerstag die Kollektion des Newcomer-Labels Brachmann auf der Fashion Week in Berlin präsentieren sollen. Designerin Jennifer Brachmann und ihr Partner Olaf Kranz werden die Abläufe heute gut 60 Mal erklären. Denn so viele Models haben sie zu ihrem Casting bestellt. Sie werden die zwölf besten auswählen.

"Sitzt oben noch jemand asiatisch Aussehendes?", fragt Kranz. Er möchte verschiedene Männertypen dabei haben. Hell- und dunkelhäutige, schlanke, schmächtige und auch athletisch durchtrainierte. Aber eines sollen sie alle können: Ausdrücken, dass sie gerne Anzüge tragen und nicht nur für den Moment so tun als ob. "Wir machen klassische, avantgardistisch angehauchte Mode... sehr subtil", kriegt ein Kandidat Mitte zwanzig erklärt. Der nickt zustimmend, schließlich will er den Job haben. Ob er überzeugen kann, das wird sich gleich zeigen.

In einer alternativen Location in Berlins szenischer Mitte, einem Mode-Kunst-Kultursalon namens Friendly Society, wird die Probe aufs Exempel gemacht. Die Designer haben mehrere Kleiderstangen aufgestellt und drücken den Models ein, zwei Outfits zum Probieren an. Ruhig, freundlich und geduldig läuft das ab.

Modulares Gestalten am Männerkörper

Aber die Designer sind auch müde, und man merkt ihnen die Überarbeitung und Anspannung an. Kein Wunder, denn Brachmann haben sich erst vor einem Jahr gegründet. Es ist ihre erste Modenschau, und dann gleich auf der Fashion Week. Das ist aufregend, aber das Duo aus Halle ist gut organisiert und hat eine klare Vision:

Klassiker der Männermode durch einen innovativen Schnitt modernisieren. "Postclassical Menswear" nennen Brachmann das etwas verklausuliert. Gemeint ist beispielsweise, einen Frack mit einem Hemd zu kreuzen. Jennifer Brachmann erklärt es an einem Beispiel: "Dieser Cutaway hat die typischen Merkmale: eine klassische, abgerundete Form, die Kugelärmel und hinten einen Schlitz. Aber Kragen und Knopfleiste sind wie bei einem Hemd."

Die Arbeit von Brachmann hat etwas von Architektur am Körper. Es ist wie ein modulares Gestalten. "Wir fügen aber nicht einfach mehrere Module additiv wie ein Puzzle zusammen. Sondern wir lassen ganz neue Schnitte entstehen."

Wenig überraschend ist also, dass die Passform das KO-Kriterium beim Modelcasting ist. Wenn etwas nicht richtig sitzt, wird nichts enger gesteckt, ausgestopft und anderweitig geschummelt. Nein, dann passt es einfach nicht. "Dann kriegt das Model etwas anderes an", sagt die 33-jährige Brachmann. Ganz einfach.

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