Sonntag, 24. Juli 2016

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Die neuen Dandys Zwischen Geek und Gentleman

"I am Dandy": Diesen Männern bedeutet Mode alles
Fotos
Rose Callahan

Das Dandytum wird ebenso oft für tot wie zum neuen Trend erklärt. Aber es gibt sie tatsächlich: Männer, für die Form mindestens ebenso bedeutsam ist wie Inhalt - und die gerne dazu stehen. Der Dandy Nathaniel Adams ist einer von ihnen. Eine Expedition in die höchsten Lagen der Männermode.

Hamburg - Das Dandytum sei eine ernsthafte psychologische Störung, schreibt Nathaniel Adams in seinem neuen Buch "I am Dandy - the Return of the Elegant Gentleman". Adams muss es wissen, denn er ist selbst einer: Er kleidet sich mit extremer Sorgfalt und ist fasziniert von den vielfältigen Erscheinungsformen manieriert-männlicher Eleganz, die er in dem englischsprachigen Bildband gemeinsam mit der Fotografin Rose Callahan porträtiert.

Dandys blicken auf eine lange Tradition zurück. "Der Dandy ist ein Mann, dessen Status, Arbeit und Existenz im Tragen von Kleidung besteht. Er widmet jedes Vermögen seiner Seele, seines Geistes, seiner Geldbörse und seiner Person heldenhaft der Kunst, seine Kleidung gut zu tragen: Während die anderen sich kleiden um zu leben, lebt er, um sich zu kleiden", schrieb der schottische Essayist Thomas Carlyle bereits 1834.

Im Blick hatte er dabei wohl auch den Prototyp des Dandys, Beau Brummell (1778 bis 1840). Der beschäftigte angeblich drei Friseure für seine verschiedenen Kopfpartien, polierte seine Stiefel mit Champagner und starb, wen wundert es, völlig verarmt. Die Verkünder des Dandytums waren Dichter wie Oscar Wilde (1854 bis 1900) oder Charles Baudelaire (1821 bis 1867). Letzterer schrieb in seinen Tagebüchern: "Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel."

Nathaniel Adams indes sagt: "Dandytum ist eine Einstellungssache." Es könne ein Einstieg sein, auf die eigene Erscheinung zu achten. Es schade auch nicht, Esprit zu haben. "Arbeit ist allerdings für alle Dandys eher nachrangig und kein Lebenszweck." Es sei eine Obsession, meint er: "Ich bin ja nicht aufgewacht und habe gedacht: Jetzt werde ich ein Dandy." Das sei mehr eine Prädisposition, die sich Bahn breche, als eine bewusste Entscheidung.

Man braucht nicht länger, um sich gut anzuziehen

Allerdings sehen viele Dandys ihre Selbststilisierung als Dienst an der Menschheit - denn er selbst, argumentiert einer der Porträtierten in Adams' Buch, stehe ja nur ein bis zwei Stunden am Tag vor dem Spiegel, alle anderen Leute könnten ihn aber den ganzen Tag lang betrachten. Die Sorgfalt, mit der echte Dandys sich kleiden, ist extrem, der Stil dabei zweitrangig. Es gibt unter ihnen sehr extravagant gekleidete, geschminkte Männer, den tweedfixierten britischen Landedelmann und den urbanen Snob, der Pullover verachtet.

"Es gibt eine breite Rückkehr zum Stil", glaubt Adams, "immer mehr junge Männer interessieren sich dafür, wie man sich gut anzieht. Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass das ein irrer Aufwand sei. Man braucht nicht länger, um sich gut anzuziehen, als um sich schlecht anzuziehen." Das gelte im übrigen auch für eher breiter gebaute Männer - "die achten dann halt mehr auf ihre Kleidung als auf ihre Muskeln."

Ruppiger bringt das Carl Jakob Haupt auf den Punkt, der gemeinsam mit David Kurt Karl Roth sehr erfolgreich das deutsche Männermodeblog "Dandy Diary" betreibt: "Man kann alt und fett und trotzdem ein Dandy sein." Über Haupts Blog ist schon viel gesagt, wenn man die Ergänzungsvorschläge bei einer Google-Suche danach betrachtet - "Dandy Diary Pool Party" findet sich dort an vierter Stelle. Legendär sind nicht nur die Partys, sondern auch der Mode-Porno, den das Duo drehen ließ, und die Aktion, bei der sie Nacktflitzer auf Modeschauen schickten.

Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, und sicher würden etliche der in Tweed und feinen Tuchen schwelgenden Gentlemen aus Adams' Buch die Nase darüber rümpfen. Dennoch eint die Herren mit den krawalligen Dandy-Bloggern eine gemeinsame Attitüde, die Haupt so zusammenfasst: "Gut aussehen ist langweilig. Wenn man einen perfekt sitzenden schwarzen Prada-Anzug trägt, sieht man gut aus. Ein Dandy ist man dann aber nicht. Dandys sind eher Künstler, die ihren Körper wie eine Leinwand betrachten, die man jeden Tag neu bemalen kann - gerne auch etwas abstrakter."

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