Sonntag, 24. September 2017

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Anzugfans und Schlipsgegner Die Dresscodes der Dax-Unternehmen

Dresscode: So halten es Dax-Unternehmen
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Thomas Lohnes / Getty Images

Als sich jüngst Führungskräfte aus dem Finanzsektor in Frankfurt am Main zu einer Fortbildung trafen, gab ihnen ihre Bank einen ungewöhnlichen Dresscode vor: Sie sollten doch bitte in legerer Freizeitkleidung kommen. Die Vorgabe sollte aber nicht der atmosphärischen Entspannung dienen, sondern schlicht der Sicherheit - wegen der Proteste anlässlich der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes fürchtete man an diesem Tag um die Sicherheit der Finanzleute, wenn sie allzu offensichtlich als solche zu erkennen wären.

Für die Banker war es ungewohnt, in Jeans, Pulli und Sneakern statt in Kostüm und Pumps oder im feinen Anzug zu einem beruflichen Termin zu fahren. Denn: Einen festgeschriebenen Dresscode gibt es zwar in fast keinem Unternehmen mehr, wohl aber ungeschriebene Gesetze. Vor vier Jahren hatte die Schweizer Großbank UBS waggonweise Häme dafür geerntet, dass sie ihren Mitarbeitern einen 44 Seiten langen Leitfaden mit dem verbindlichen Dresscode des Unternehmens an die Hand gab - bis hin zum Material der Unterwäsche und der einzig richtigen Art, eine UBS-Krawatte zu binden (Windsor-Knoten!).

Spätestens seither halten sich Unternehmen mit solchen Vorgaben eher bedeckt - auch wenn einige davon Imageberater oder Stilcoaches beschäftigen, um interessierte Mitarbeiter vor Peinlichkeiten aller Art zu schützen.

manager magazin online wollte wissen: Wie halten es die wichtigsten deutschen Unternehmen mit dem Dresscode? Wir haben alle 30 Dax-Unternehmen angeschrieben. Gut die Hälfte der Unternehmen hat geantwortet. Dabei stellt sich vor allem eines heraus: Das Gespür für den richtigen Auftritt ist eine Kompetenz, die Mitarbeiter von sich aus mitbringen - oder sich schnellstmöglich aneignen sollen.

Wie hält es die Führungsriege? Hier sind die Dax-Chefs im Stilcheck.

Oft gibt die Führungsspitze eine gewisse Orientierung. Männliche Deutschbanker sieht man selten ohne Krawatte, während Telekom-CEO Timotheus Höttges jüngst krawattenlos seine Bilanz vorstellte. Schlagfertig konterte er die Frage danach, ob er dem griechischen Finanzminister Janis Varoufakis nacheifern wolle, mit dem Satz: "Ich trage mein Hemd in der Hose und sehe auch nicht so gut aus."

Dafür sahen seine Zahlen im Vergleich deutlich besser aus. Deshalb wirkte die fehlende Krawatte auch nicht wie eine teenagerige Trotzgeste, sondern schien eher mit lässiger Hand vom Geist des Es-sich-leisten-Könnens entfernt worden zu sein. Dieser Geist hat mittlerweile auch andere Unternehmensbereiche erfasst.

Woher dieser Geist weht, ist geografisch recht klar zu verorten: Unternehmer und Vordenker des Silicon Valley zeigen sich selten im Anzug, um nicht für uncoole Old-Economy-Spießer gehalten zu werden. "Herausgeputzte Unternehmer seien nur Verkäufer, die versuchten, die Schwäche ihres Produkts zu überspielen", zitierte der Spiegel vor kurzem den Valley-Vordenker, Wagniskapitalgeber und bekennenden Anzuggegner Peter Thiel.

Es gibt auch deutsche Unternehmen, die es lieber casual haben. Adidas zum Beispiel. Im Blog der Firmengruppe berichtete ein neuer Mitarbeiter vor kurzem über den "kulturellen Schock" der ersten Tage: Kein Anzug, keine Krawatte am ersten Tag, habe er von allen gehört, die mit Adidas zu tun hatten. Er habe sich dann für schwarze Adidas-Schuhe und einen Pullover entschieden, sei aber unsicher gewesen, ob das nicht zu underdressed sei. "Glücklicherweise lag ich mit dieser Angst falsch - an meinem ersten Tag habe ich keinen einzigen Anzug gesehen", schreibt er.

Allerdings kennt auch hier die Lässigkeit Grenzen: Schuhe von Nike oder Puma wird man kaum sehen - "daran erkennen wir die Besucher", sagt eine Mitarbeiterin.

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