Montag, 23. Oktober 2017

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Pyjamas Stilvoll in die Nacht

Neue Nachtwäsche: Auf zur Pyjama-Party
Fotos
Corbis

Die coolsten Männer aller Zeiten trugen Pyjamas vor der Kamera: James Stewart, Cary Grant, Paul Newman. Gary Cooper teilte sich in einer Szene sogar einen mit Claudette Colbert: er nahm die Jacke, sie die Hose. mmo-Autor Alexander Grau über die perfekte Nachtwäsche für heutige Männer.

München - Den diskreten Sex-Appeal von Pyjamas haben sich etliche Regisseure zunutze gemacht - James Stewart trug einen in "Das Fenster zum Hof", Cary Grant, während er in "Indiskret" mit Ingrid Bergman telefoniert, Paul Newman, als er sich in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" mit Elizabeth Taylor streitet, und in Lubitschs abgedrehter Komödie "Blaubarts achte Frau" teilte sich Gary Cooper sogar einen mit Claudette Colbert: er nimmt die Jacke, sie die Hose. Die Rede ist natürlich vom Pyjama.

Wie die eigenwillige Schreibweise schon andeutet, ist der Pyjama kein europäisches Kleidungsstück, sondern hat seine Wurzeln in Indien. Das Wort selbst allerdings stammt aus dem Persischen. "Pay" bedeutete dort "Bein" und "Jameh" "Kleidung". Der Pyjama war also ursprünglich nichts anderes als ein Beinkleid, das im westlichen Asien verbreitet war.

Wie bei allen Dingen, die irgendwie eigenwillig sind, so waren es auch in diesem Fall Engländer, die sich der Sache annahmen und die asiatische Hose nach Europa brachten. Dies ging allerdings nicht ohne ein paar grundlegende Veränderungen: Die Hose wurde mit einer Jacke aus dem gleichen Stoff versehen und das Ganze einem neuen Zweck zugeführt.

Waren die Pyjamas, wie sie zwischen Euphrat und Ganges getragen wurden, als Tagesbekleidung gedacht, verwandelten sie die britischen Kolonialherren in ein Kleidungsstück für die Nacht, genauer: für das Bett. Und weil Hosen im Abendland des 19. Jahrhunderts ausschließlich Männern vorbehalten waren, wurde aus der ehemaligen Unisexbekleidung Asiens in Europa ein Stück ausschließlich für den Herrn - zumindest zeitweise.

Von Lebensart zu Spießertum

Das war durchaus ein Schritt Richtung Genderdiversität, denn in den Jahrhunderten davor trug sowohl Männlein als auch Weiblein ein Nachthemd. Und selbst dies war eine relative neue Erfindung, die sich erst mit Beginn der Neuzeit durchsetzte. Bis ins 16. Jahrhundert schlief man nämlich einfach nackt.

Mit der Erfindung des Pyjamas als angemessenes Bekleidungsstück des Herren während der Nachtruhe trugen die Briten, wie in manch anderem Bereich auch, erheblich zur Kultivierung bisher eher verwahrloster Zustände bei. Das erklärt im Umkehrschluss allerdings auch, weshalb der Pyjama, nachdem er gut 100 Jahre treu seine Dienste geleistet hat, anscheinend etwas aus der Mode kommt. Die Kultiviertheit, die der Pyjama ausdrückt, gilt heute eben nicht mehr als Ausdruck höherer Gesittung und Lebensart, sondern nur noch als spießig. So wandeln sich die Zeiten.

Der europäische Jungmann springt lieber, nachdem er sich seiner Chucks entledigt und aus seiner "7 For All Mankind"-Jeans geschält hat, direkt mit seiner Calvin Klein Unterhose unter die Bettdecke. Und als Oberteil dient ihm im Winter das T-Shirt, das er ohnehin als Unterhemd trägt. So weit, so praktisch, so bedauerlich.

Die Zahlen der verschiedenen Textilverbände sprechen Bände. So ging nach der Statistik von Gesamtmasche, das ist der Verband der deutschen Maschenindustrie, der Import von Nachtwäsche für den Herrn allein vom Jahr 2011 bis 2012 um 27 Prozent zurück.

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