Mittwoch, 19. Dezember 2018

Krawatten Beim Schlips geht's aufwärts

Modeexperten sind sich einig, Streifen auf Krawatten sind wieder "in". Bei der Richtung der Linien zeigen sich im Nationenvergleich allerdings deutliche Unterschiede. Ins Fettnäpfchen kann der Herr von Welt aber vor allem bei der Farbenwahl treten.

Frankfurt/Main - Wer deutschen Fernsehmoderatoren und Politikern auf den Schlips schaut, merkt es schnell: Streifen sind "in". Kanzler Schröder mag's rot-weiß, DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder greift schon mal zu rot-grün, Moderator Günther Jauch lässt sich beim passenden Anlass in blau-gold sehen. Das Deutsche Krawatteninstitut schätzt den Anteil der Streifkrawatten auf mittlerweile 80 Prozent, das traditionsreiche Modehaus Windsor bietet gepunktete Schlipse diese Saison gar nicht erst an.

Zum "Krawattenmann 2003" gewählt: Fußballer von Borussia Mönchengladbach
Doch Streifen sind nicht gleich Streifen: Von links unten nach rechts oben zeigt das schräge Krawattenmuster in Deutschland - wie Börsenkurse beim ersehnten Wirtschaftsaufschwung. In Amerika ist es genau andersherum: Der Wirtschaft geht's recht gut, doch die Krawattenstreifen zeigen traditionell abwärts.

Wie aus dem Stoffschal ein bunt-gestreiftes Massenphänomen wurde, erklärt der Kölner Krawattenfachmann und Modeberater Bernhard Roetzel: "Das europäische Krawattendesign stammt von den englischen Regimentskrawatten. Ende des 19. Jahrhunderts begann die britische Armee, Krawatten in den Farben des jeweiligen Regiments zu tragen", weiß Roetzel. "Sportvereine verwendeten ihre Clubfarben." Dank der britischen Woll- und Seidenkolonien in Australien und Indien wurde das Königreich schnell zur Modemetropole. "Damals konnten die Engländer die Farben und Grundformen praktisch vorgeben", erklärt der Modefachmann.

Technische Gründe gaben Ausschlag für Querstreifen

Für Querstreifen entschieden sich die britischen Schlipsproduzenten eigentlich nur aus technischen Gründen, sagt Roetzel. "Irgendwann hat jemand entdeckt, dass Krawatten besser in Form bleiben, wenn der Stoff quer zur Webrichtung geschnitten wird." Weil die Farben damals grundsätzlich eingenäht statt aufgedruckt wurden, waren die Querstreifen in Webrichtung die einfachste Lösung. "Die Art des Musters spielte da keine sehr große Rolle - man wollte einfach verschiedene Farben unterbringen".

 Rot sticht: BMW-Chef Helmut Panke  Hat gelegentlich ein Faible für auffallende Krawatten: Finanzminister Hans Eichel  Es geht aufwärts - zumindest den Streifen nach: Bundeskanzler Gerhard Schröder
 Mächtiger DFB-Chef mit dezenten Farben: Gerhard Mayer-Vorfelder  Trägt viele Farben: TV-Moderator Günther Jauch  Immerhin nicht Oranjefarben: Fußball-Experte Günter Netzer

Parade einiger Krawattenträger:
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Der Rest Europas trug, was aus England angeboten wurde. Inzwischen werden allein in Deutschland jedes Jahr mehr als zehn Millionen Schlipse verkauft, und noch immer gelten das Magenta-Blau des britischen Garderegiments und das Schwarz-Blau der Royal Navy als Klassiker - auch in den Vereinigten Staaten. Doch egal ob College-, Vereins- oder Designerkrawatte: Fast immer zeigen die verquerten Streifen jenseits des Atlantiks nach rechts unten. "Die Legende sagt, dass bei den Amerikanern mal jemand beim Zuschneiden den Stoff falsch herum gelegt hat", sagt Roetzel. "Aber so richtig weiß das eigentlich keiner."

Querstreifen hoch, Querstreifen runter: Der Unterschied ist gering. Ob kariert, punktiert oder einfarbig, ob grelle, gedeckte oder bunte Farben getragen werden, das macht schon mehr aus. Schließlich sei die Krawatte heute die "Uniform des Mannes" und als "rudimentärer Restschmuck" ein wichtiges Symbol, wie Soziologie- Professor Roland Eckert von der Universität Trier sagt. Mit dem richtigen Schlips könne der Mann seine Funktionsfähigkeit in der Gesellschaft herausstellen. Besonders Banker betonten mit zurückhaltenden Standard-Designs ihre Korrektheit, meint der Soziologe.

Doch die Krawatte kann auch andere Signale senden: "Je verspielter die Motive, je expressiver die Muster, desto ausdrucksstärker die Persönlichkeit", glaubt Gerd Müller-Thomkins vom Krawatteninstitut. Doch Vorsicht: Selbst in der Ära der Vielfarbigkeit kann ein greller Schlips nicht nur auf eine starke Persönlichkeit hindeuten, sondern auch auf modische Inkompetenz - sogar wenn die Streifen in die richtige Richtung zeigen.

Von Nils Weisensee, dpa

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