Ein Gastbeitrag von Carl Tillessen
"Deutsche Mode"? - Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Das, was im Moment in Berlin passiert, ist etwas völlig Neues, denn Deutschland war eigentlich immer modische Provinz, und Berlin war noch nie eine Modestadt. Berlin war zwar in den zwanziger Jahren eine glanzvolle Stadt, und in der Gegend um den Hausvogteiplatz gab es viele Zwischenmeister und Konfektionäre, aber eine Elsa Schiaparelli, einen Jean Patou oder eine Coco Chanel gab es in Berlin nicht. Die modischen Impulse kamen aus Paris.
In Deutschland wurden die Ideen der Pariser Haute Couture in industrielle, massentaugliche Prêt-à-Porter umgesetzt. Die Deutschen hatten auch schon vor dem zweiten Weltkrieg nicht das Selbstbewusstsein, der französischen Eleganz eine deutsche Eleganz entgegenzusetzen. Von der deutschen Modeindustrie wurde noch nicht einmal erwartet, dass sie einen eigenen, deutschen Chic kreiert, sondern dass sie den Deutschen ein wenig internationalen Chic vermittelt und überhaupt zugänglich macht.
An diesem hinterwäldlerischen Selbstverständnis der deutschen Mode hat sich nach der Schmach des zweiten Weltkriegs erst recht nichts geändert, zumal Berlin als zentralistische Hauptstadt und damit als Nährboden einer kraftvollen Modeszene nicht mehr zur Verfügung stand. Die Nachkriegsmodeunternehmen waren in der gesamten deutschen Provinz verstreut. Und so wie die deutsche Politik nach dem Krieg provisorisch in Bonn zu tagen begann, versammelte sich die Bekleidungsbranche mehr oder weniger zufällig erst einmal in Düsseldorf.
Modischer Vordenker: Carl Tillessen ist einer der beiden Gründer und Designer des Berliner Modelabels Firma
Alle waren glücklich. Doch dann kam die EU. Und dann kam auch noch die Globalisierung. Und plötzlich wusste eigentlich niemand mehr so genau, warum man pseudo-französische oder pseudo-italienische Mode aus der deutschen Provinz kaufen sollte, es sei denn, sie wäre unglaublich billig. Ist sie es aber nicht, dann macht man sich lieber ein paar schöne Tage in Paris und kauft dort das Original. Oder man fliegt kurz nach Mailand und deckt sich dort mit authentischem italienischen Chic ein.
Wie viele andere Branchen fand sich auch die deutsche Modebranche durch die Öffnung der Märkte nicht nur mit einem globalen Absatzmarkt, sondern auch mit einer globalen Konkurrenz konfrontiert. Dies stürzte viele Unternehmen in eine Identitätskrise. Ihre auf den nationalen Markt zugeschnittenen Kollektionen hatten aus internationaler Perspektive kein besonderes Know-How, keine eigene Handschrift, keine starke Identität und kein authentisches Image. Und sie waren nicht mit dem Charisma einer starken Designerpersönlichkeit verknüpft.
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