Sonntag, 4. Dezember 2016

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Wie Thees Uhlmann über den Tod nachdenkt "Ich würde gerne erstmal 1910 Jahre leben"

Symbol der Vergänglichkeit wie der Dekadenz: Der diamantenüberkrustete Platinschädel des Künstlers Damien Hirst

Wenn der Tod an der Tür klingelt: Der Musiker und Schriftsteller Thees Uhlmann hat ein Buch geschrieben, in dem genau das passiert. Der Philosophiezeitschrift "Hohe Luft" hat er genauer erklärt, was der Tod für ihn bedeutet.

Thees Uhlmann: Der 41-jährige Musiker und Schriftsteller wurde als Sänger der Band "Tomte" bekannt. In seinem Romandebüt "Sophia, der Tod und ich" (Kiepenheuer & Witsch) klingelt der Tod an der Tür - lässt aber mit sich reden. Uhlmann lebt in Berlin.
Mir ist früh bewusst geworden, dass es hier nicht ewig so weitergeht. Ich bin mit einem Vater aufgewachsen, der eine schwere Krankheit hat. Und dann ist in der 7. Klasse noch ein Schulkamerad an Krebs gestorben. Das war, wie man so sagt, ein Erweckungsmoment.

Aber erst jetzt, mit 41 Jahren, habe ich den ganzen Kram im Leben ungefähr verstanden - und weiß zugleich, dass ich nun auf der Rückreise bin. Dennoch mochte ich diese Postkarten an Kühlschränken von Studenten-Wohngemeinschaften nie: "Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter".

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Für mich bedeutet der Tod erst einmal: "Scheiße! Kein Fußball mehr, kein Knutschen, kein Gitarrespielen, keine Freunde treffen, nicht mehr am Deich stehen, keine schlechte Laune mehr haben, keine gute Laune mehr haben." Aber was genau fürchten wir an ihm eigentlich?

Hohe Luft
Ausgabe 1/2017

Philosophie und Wirtschaft

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Wir dürfen heute denken, dass es vielleicht keinen Gott geben könnte und jeder sein Schicksal selbst lenken kann. Doch diese Freiheit hat als Preis die Angst vor dem allumfassenden Nichts. Die Erkenntnis, dass wir möglicherweise nur ein Zufall aus Molekülen, elektronischen Impulsen und Tausenden Jahren sind. Und das macht uns Angst, weil wir am Tag ja ständig über uns nachdenken. Bei Künstlern wie mir ist das noch viel schlimmer. Aber so kommt eben auch tolle Kunst zustande. Aus Angst vor dem eigenen Nichts.

Ich habe natürlich ein Interesse, den ganzen Scheiß auszukosten

Der Psychoanalytiker Irvin D. Yalom meint, dass es unsere wichtigste Aufgabe im Leben sei, die Furcht vor dem Tod zu besiegen. Es könnte sein, dass er recht hat. Gerade als Vater einer tollen Tochter und mit einem Leben, das ich liebe, habe ich natürlich ein Interesse, den ganzen Scheiß hier möglichst lange auszukosten.

Und wenn der Umkehrschluss der These von Herrn Yalom wäre, dass es falsch ist, dass ich beschlossen habe, nicht mehr betrunken Fahrrad zu fahren, weil ich Furcht vor dem Tod habe und betrunken Rad fahren und Tod sehr gut zusammenpassen? Auch dann. Ich bin definiert durch die Dinge, die ich liebe. Und die liebe ich sehr.

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