Freitag, 15. Dezember 2017

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Designer Ron Arad "Meine Inspiration? Alles, was vor zwei Minuten passiert ist"

Ron Arad: Nicht von dieser Welt
Fotos
AFP

Er ist chaotisch, rastlos und einer der erfolgreichsten Designer und Architekten unserer Zeit. Bei der Arbeit spielt er Pingpong - auch die Begegnung mit dem 65-Jährigen ist ein Schlagabtausch.

Ein Skateboard wäre jetzt perfekt. Ein Rollbrett, auf dem man - hoch die schmale Hühnerleiter, hinein in das Yves-Klein-blau gestrichene Backsteinhäuschen - mit einem Satz in die fantastisch gewundene Welt von Ron Arad springen könnte. Betritt man sein in einem Hinterhof verstecktes Studio im Londoner Stadtteil Camden Town, fühlt man sich wie auf einer Skateboard-Rampe: Der gebogene Parkettboden im Eingangsbereich erinnert an eine Halfpipe, an deren Ende man auch ohne Brett einen Hopser auf die nächste Büroebene machen muss, weil sie wie eine hölzerne Klippe plötzlich aufhört.

Wohin zuerst schauen? Die wandfüllenden Regale sind vollgestopft mit Büchern und Dingen, die sich nicht sofort eindeutig bestimmen lassen: etwas Goldenes mit Dellen, eine Art silberner Alienkopf, ein Irgendwas, das aussieht wie eine zusammengeknäulte grüne Natter. Und dann natürlich dieser schwarze Hut, ein bisschen Bowler, ein bisschen Turnierreiterhelm und eine entschiedene Portion Piratenfilz, der wie fast immer auf dem Kopf von Ron Arad sitzt. "Progressive Playground" nennt der 65-Jährige sein Studio.

"Es ist unordentlich und nicht sehr organisiert, so wie ich", sagt er. Ein angedeutetes Schmunzelhasenlächeln. "Aber glücklicherweise bin ich hier von sehr aufgeräumten Menschen umgeben, also funktioniert alles."

Das erste Vertraute, das die Augen erkennen, sind die Stühle.

Wie in einer Polonaise sind sie aufgereiht auf einem schmalen Laufsteg, der sich über der Regalwand schlängelt. Gäbe es zum klassischen Autoquartett (Höchstgeschwindigkeit? PS? Hubraum?) eine Designervariante, wäre die Frage "Wie viele ikonische Sitzgelegenheiten hat Arad geschaffen?" eine der prestigeträchtigsten Kategorien. "Das hier ist tatsächlich der erste ,Rover Chair'", sagt Arad und zeigt auf seine große Designpremiere, die er 1981 aus einem Rover-2000-Sitz vom Schrottplatz und einigen Stahlröhren vom Gerüstbau zusammenschweißte.

Sechs der frühesten Exemplare kaufte Jean Paul Gaultier von der Werkbank weg. Daneben steht der "Well Tempered Chair", den Arad 1986 für Vitra aus vier Bahnen gebogenen Stahls faltete.

Gefunden in
Splendid
April 2017

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Das sieht genauso unbequem aus, wie es klingt, ist beim Probesitzen dank des leicht wabbeligen Sprungfedereffekts aber überraschend gemütlich. Ebenso der "Looming Lloyd", ein geflochtener Stuhl mit zwei klumpigen Wippkufen aus Stahl, die man an jede vierbeinige Sitzgelegenheit montieren könnte, um ihr neuen Schwung zu verleihen. Er sieht schwieriger aus, als er sich anfühlt - eine Qualität, die Designhäuser wie Cassina, Cappellini, Kartell und vor allem Moroso auf Arad aufmerksam machte. Für sie baute er massentaugliche Variationen seiner Entwürfe. Besitzbare Kunst.

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