Montag, 27. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Wenn Führungskräfte pflegen wollen "Wir brauchen einen Wechsel von oben"

"Heute hat jeder, der das macht, berechtigt Angst um seinen Job": Frank Husemann

Vor zwölf Jahren wurde bei Frank Husemanns Sohn die Kinderdemenz NCL diagnostiziert. Der Unternehmensberater reduzierte den Umfang seiner Arbeit, stieg in die Pflege ein und gründete eine Stiftung zur Erforschung der Krankheit. Ein Gespräch über die richtigen Prioritäten im Leben.

mm: Sie haben sich nach der schweren Erkrankung Ihres Sohnes entschlossen, Teilzeit zu arbeiten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Husemann: Ich war bei einer internationalen Unternehmensberatung tätig. In diesem Geschäft gilt der Grundsatz: Up or out. 2002, als bei Tim die Kinderdemenz NCL diagnostiziert wurde, stand ich kurz vor der Partnerschaft im Unternehmen und musste mich entscheiden, wie es weitergehen soll. Die Pflege meines Sohnes nahm damals sechs bis acht Stunden am Tag in Anspruch, die ich persönlich für ihn da war; Tims Mutter und ich leben getrennt. Meinem damaligen Arbeitgeber hatte ich gesagt: Ich würde deshalb gerne auf 80 Prozent gehen. Innerhalb der deutschen Organisation gab es dafür viel Verständnis. International aber überhaupt nicht. Die haben mir gesagt: Du kannst gerne 80 Prozent machen, aber deine Ziele werden bei 100 Prozent bleiben müssen, um international vergleichbar zu sein. Das half mir natürlich null. Ich bin dann in das Management einer Firma eingestiegen, wo ich geregeltere Arbeitszeiten hatte als in der Beratung. Heute arbeite ich wieder als Berater, aber die Firma, bei der ich jetzt bin, ist flexibler und trägt mein Arbeitszeitmodell mit.

mm: Warum tun sich Arbeitgeber so schwer damit, ihre Führungskräfte bei Pflegemodellen zu unterstützen?

Husemann: Wenn man zehn beliebige Dax-Vorstände nehmen würde, dann würden alle wohl behaupten, dass sie sehr für Flexibilität sind. Aber von denen selbst tritt in einer solchen Situation keiner kürzer. Wenn eine Führungskraft das macht, bekommt sie kräftigen Gegenwind. Mehr Verständnis wird es es erst geben, wenn Menschen mit Vorbildcharakter das vorleben. Das bedarf bei den meisten aber wohl eines harten Einschnitts. Das war bei mir auch nicht anders: Wenn mein Sohn nicht erkrankt wäre, wäre ich auch nicht auf die Idee gekommen, etwas an meiner Arbeitssituation zu ändern. Es müsste insgesamt einen von oben vorgelebten Paradigmenwechsel geben - so dass man es als ganz normal empfindet, wenn etwa der CFO mittwochs nicht erreichbar ist, weil er seine Mutter pflegt. Im Grunde ist es doch egal, ob der unerreichbar beim 27. internationalen Abstimmungsmeeting sitzt oder zu Hause jemanden pflegt. Aber heute hat jeder, der das macht, berechtigt Angst um seinen Job.

mm: Es ist ja auch schwierig, eine Führungskraft von jetzt auf gleich zu ersetzen.

Husemann: Was machen Sie denn, wenn der Mitarbeiter tot umfällt? Dann ist er auch nicht mehr da. Das Unternehmen findet auch dann eine Lösung. Das ist ein Scheinargument. Leute sind ersetzbar. Immer. In der Gesamtheit wird man feststellen: Das ist kein Einzelthema. Wenn man 1000 Mitarbeiter hat, werden immer welche davon in einer solchen Situation sein. Eigentlich kann das ein Unternehmen nicht überraschen. Trotzdem wird immer geflickt und gebastelt, statt das Thema beherzt anzugehen.

mm: Warum haben Sie die Pflege Ihres Sohnes nicht delegiert?

Husemann: Da kommen wir in den Bereich der Moral. Wenn man nicht genug Zeit hat, weil der Job zu viel Zeit frisst, dann muss man so ein Kind ins Heim geben, klar. Für mich kam das nicht in Frage. In meinen Augen hatte ich diese Entscheidung schon viel früher getroffen, nämlich in dem Moment, in dem wir uns für ein Kind entschieden hatten. Den Umfang der Verantwortung, die man da annimmt, kennt man da noch nicht - und die kann auch Dimensionen einnehmen, mit denen man nicht gerechnet hat. Mein Sohn ist jetzt 20. Und wie bei anderen Kindern auch sind die ersten 20 Jahre prägend und wichtig. Die Bedeutung der Rolle der Eltern nimmt ab, je älter die Kinder werden. Mein Sohn war sechs, als er erkrankte. Diese Phase wollte ich intensiv begleiten. Ich wusste: Als Vater bin ich später weniger wichtig. Ich wollte mich nicht, wie so viele Menschen, später umdrehen müssen und sagen: super, jetzt bist du Vorstand und hast alle Intrigen überlebt, aber du hast dich nicht um dein Kind gekümmert. Und auch nicht um die anderen Kinder, die du vielleicht noch haben wirst. Heute habe ich zwei weitere Kinder, die fünf und sechs Jahre alt sind. Da stellt sich dieselbe Frage. Heute ist mein Sohn ein 24-Stunden-Pflegefall, und natürlich ist es toll, wenn ich bei ihm bin. Aber der Tag, den ich mit ihm verbracht habe, als er sieben Jahre alt war, der war viel wichtiger.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH