Samstag, 20. Oktober 2018

Wenn Führungskräfte pflegen wollen "Wir brauchen einen Wechsel von oben"

"Heute hat jeder, der das macht, berechtigt Angst um seinen Job": Frank Husemann

3. Teil: "Schillernde Möchtegern-Promis passen nicht zu uns"

mm: Da hat man wahrscheinlich trotzdem das Gefühl: es ist wenigstens die richtige Reihenfolge. Bei einem Kind ist das anders.

Husemann: Ja, aber es kommt doch oft unerwartet, wenn man seine Eltern verliert. Und dann bereut man, sich nicht darauf vorbereitet zu haben. Ich war 30 Jahre vor dem Ende damit konfrontiert: Du musst loslassen. Du wirst nicht helfen können. Man muss sich darauf einrichten. Das Engagement für die Stiftung gibt mir aber immer noch viel. Denn: Im normalen Job ist jeder von uns jederzeit ersetzbar. Die Stiftung aber würde es ohne mein und das Engagement von anderen nicht geben. Da ist man nicht ohne weiteres ersetzbar. Meine Zeit dort ist gut investiert.

mm: Sind Sie je an einem Punkt gewesen, an dem Sie gedacht haben: Ich schaffe das nicht mehr? Ich kann nicht mehr?

Husemann: Nein. Man weint natürlich. Aber dass man sagt: Ich schaffe es nicht mehr? Nein. Ich hatte ja keine Alternative. Das stand nie zur Diskussion.

mm: Wie haben die Erkrankung Ihres Sohnes und die intensive Pflege Sie persönlich verändert?

Husemann: Ich glaube, der Spruch "Man wächst mit seinen Aufgaben" trifft es ganz gut. So ist zum Beispiel das Thema Endlichkeit für mich viel natürlicher geworden, da ich gezwungen war und bis heute bin loszulassen. Mein Kind wird vor mir gehen. Aber wenn mein Sohn heute geht, dann bleibe ich nicht zurück mit dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Ich kann es nicht ändern. Ich habe lernen müssen, dass die Frage "Warum?" einen überhaupt nicht weiter bringt. Auch lebe ich mein Leben heute sicher bewusster und intensiver. Viele Dinge werden einfach in ihrer Bedeutung relativiert.

mm: In jüngster Zeit hat die Ice Bucket Challenge Furore gemacht - Prominente und Normalbürger übergossen sich vor laufender Kamera mit eiskaltem Wasser, um auf die Krankheit ALS aufmerksam zu machen. Was halten Sie von solchen Aktionen?

Husemann: Ich wäre gern selbst auf die Idee gekommen! Denn die Idee ist genial, und es ist klasse, dass das dann so eine Dynamik gewonnen hat. Man muss Charity mit Spaß verknüpfen. Oft werden karitative Engagements nur unterstützt, wenn auch der Unterstützende etwas davon hat. Spaß ist dabei eine wichtige Komponente.

mm: Die NCL-Stiftung hat ein respektables Netzwerk. Wie baut man so etwas geschickt auf?

Husemann: Langsam. Das ist über mehr als zehn Jahre gewachsen. Und man muss gut überlegen, wie man seine Prioritäten setzt und wie man sich positionieren will. Wir machen uns viele Gedanken darüber, wie wir sicherstellen können, dass alle Gelder gut investiert sind - das geht hin bis zu der Frage, wie groß Umschläge für Einladungen zu unseren Events sein müssen, damit wir kein Porto verschwenden. Und natürlich muss die Stiftung eine hohe Authentizität haben. Die mitleidsorientierte Donnerstagsnachmittagsshow im Fernsehen wird der Zielsetzung der Stiftung nicht gerecht. Und es bringt auch nichts. Auch irgendwelche schillernden Möchtegern-Promis passen nicht zu uns. Die NCL-Stiftung hat das Glück von einigen sehr beeindruckenden Personen unterstützt zu werden. Die wenigsten machen davon ein großes Aufheben. Sie helfen aus Überzeugung mit. Sie wissen aber auch sehr gut, um was es bei der Stiftungsarbeit geht, wo die Forschung steht und warum sie die Stiftung fördern. Einer der prominenten Unterstützer ist der Schauspieler Jan Josef Liefers. Ohne die Mithilfe solcher Menschen fehlte es an der nötigen Glaubwürdigkeit und wäre die Stiftung nicht dort, wo sie heute ist.

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