Dienstag, 24. April 2018

Wenn Führungskräfte pflegen wollen "Wir brauchen einen Wechsel von oben"

"Heute hat jeder, der das macht, berechtigt Angst um seinen Job": Frank Husemann

2. Teil: "Das Thema Endlichkeit ist für mich viel natürlicher geworden"

mm: Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Husemann: Mein Sohn ist heute rund um die Uhr pflegebedürftig. Ein Heim kann die Betreuung bei dieser Erkrankung mit den üblichen Betreuungsschlüsseln von vielleicht 5 oder 7 Pflegefällen auf einen Pfleger nicht schaffen - jedenfalls nicht seriös. Heime sind auf eine Eins-zu-Eins-Pflegesituation, wie mein Sohn sie braucht, nicht ausgelegt. Ich habe für ihn ein Pflegeteam aufgebaut, das rund um die Uhr für ihn da ist. Unser Haus ist in der Mitte geteilt: Meine Frau und die beiden kleinen Kinder auf der einen Seite, mein großer Sohn auf der anderen Seite. Es gibt zudem Platz für Pfleger und administrative Tätigkeiten. Es ist unter einem Dach, es gibt eine Tür, aber man kann diese Tür auch schließen. Es ist wichtig für die Familie, dass sich nicht alles und alle nur und ausschließlich der Pflegesituation unterordnen. Dann kämen alle anderen brutal zu kurz.

mm: Wie haben Sie Ihre Zeit aufgeteilt?

Husemann: Das ist im Grunde ein Optimierungsvieleck - darin befinden sich ja eigentlich alle Menschen, auch wenn es nur darum geht, Beruf, Familie und sonstige Interessen zu vereinbaren. Bei mir kommen halt noch die Pflege und die Stiftungsarbeit (siehe Kasten links) hinzu. Wenn man diese fünf Blöcke - Beruf, Familie, Pflege, Stiftung, Zeit für mich selbst - austariert, dann sieht man sofort: Man ist schlecht bedient, wenn man einen der Bereiche auf 100 Prozent setzt. Das kann nicht funktionieren. Ich arbeite nach wie vor 80 Prozent. Das lässt mir mehr Raum für den Rest. Wenn ich die freie Zeit, die mir zur Verfügung steht, dann auch wieder auf hundert Prozent setze, würde ich sagen: Die Familie und die Organisation der Betreuung für Tim sind mit je 40 Prozent dabei, die Stiftung mit rund 20 Prozent.

mm: Sie gehen da sehr strukturiert heran. Haben Sie das von Anfang an getan?

Husemann: Es ist ja typisch für Berater, strukturiert zu denken. Das geht natürlich nur teilweise. Es tut unheimlich weh, wenn man sieht, wie das eigene Kind leidet und welcher Weg vor ihm liegt. Vor 13 Jahren wurde die Diagnose gestellt. Und man weiß: Es geht immer weiter bergab. Wir - mein Sohn und ich - haben jetzt die Hälfte des Weges miteinander zurückgelegt. Mit 30 bis 35 Jahren wird sein Leben enden. Und das wusste ich von Anfang an. Wenn man so einen Weg vor sich hat, hat man im Grunde keine andere Chance, als das sehr strukturiert anzugehen - man kann sich nicht, wie in den meisten Pflegekonstellationen, mit Behelfslösungen über die Runden retten.

mm: Die Stiftung haben Sie bereits ein Jahr nach Tims Diagnose gegründet. Hat sie Ihnen auch geholfen, mit Ihrer Hilflosigkeit fertig zu werden?

Husemann: In den ersten zwei, drei Jahren schon. An eine solche Diagnose kann man so rational herangehen, wie man will: Die emotionale Verarbeitung kostet Zeit. Die Stiftung hat mir ein wenig geholfen, indem sie mir das Gefühl der Hilflosigkeit genommen hat. Ich konnte etwas tun! Nach einer Weile musste ich aber erkennen, dass die Entwicklung eines Medikamentes selbst im idealen Fall sehr viel Zeit kostet. Zu viel Zeit, um Tim noch helfen zu können. Man sieht ein: Es wird realistisch keine Lösung innerhalb der nächsten zehn Jahre geben. Wir haben bis heute keine gefunden. Und für das eigene Verarbeiten hilft es einem dann nichts mehr. Der Schritt, etwas zu tun, ist gut, und er hilft hoffentlich anderen. Aber die ursprüngliche Motivation ist ja, dass man einem Menschen helfen möchte. Und man muss erkennen, dass das nicht mehr geht. Das begreift man nach zwei, drei Jahren. Dann muss man sich anderen Fragen stellen: Wie geht man mit dem Thema Tod um? Und mit dem Thema Loslassen? Das muss man lernen: Einen Menschen loslassen. Das stellen die meisten Menschen viel zu spät fest - etwa wenn sie ihre Eltern verlieren und es sehr bedauern, nicht mehr Zeit mit ihnen verbracht zu haben.

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