Dienstag, 30. August 2016

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Jung von Matt-Gründer Holger Jung "Die Summe des Stresses bleibt immer gleich"

Holger Jung gründete zusammen mit Jean-Remy von Matt 1991 die Werbeagentur Jung von Matt, die bis 2012 sechs Jahre in Folge an der Spitze des "manager magazin Kreativ-Index" stand. Von 2002 bis 2008 war Jung Präsident des Gesamtverbandes Kommunikationsagenturen (GWA) und ist seit 2003 Professor an der Hochschule Wismar. Vor drei Jahren zog er sich aus dem Geschäft der Agentur zurück.

Arbeit ist eine Mischung aus Druck und Disziplin, die einen am Ende glücklich machen kann, findet Holger Jung, Gründer und langjähriger Geschäftsführer der Werbeagentur "Jung von Matt". Die Philosophiezeitschrift "Hohe Luft" fragte ihn, was sich verändert, wenn man nicht mehr arbeiten muss.

Frage: Herr Jung, Sie haben das "Glück", nicht mehr arbeiten zu müssen. Wie verändert sich die Arbeit, wenn man diesen Druck nicht mehr hat?

Jung: Auf jeden Fall ist es eine falsche, romantische Vorstellung zu glauben, dass man eines Morgens aufwacht und sich sagt, heute höre ich auf zu arbeiten. So erlebt man das emotional nicht. Im Gegenteil: Es gibt immer etwas zu tun und das erledigt man einfach, mal mit Frust, mal mit Freude - wie das im Leben so ist. Wenn man die Arbeit etwas einschränkt, freut man sich vielleicht fünf Monate lang, den üblichen Alltagsstress nicht mehr zu haben. Aber dann sucht man sich im neu geordneten Alltag neue Stressquellen, die vorher gar nicht relevant waren. Die Summe des Stresses, den sich ein Mensch in sein Leben holt, bleibt immer gleich.

Gefunden in
Hohe Luft
Heft 4/2014

52 Seiten Spezial: Was ist gute Arbeit?

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Frage: Also ändert sich für das Lebensgefühl im Grunde genommen wenig?

Jung: Doch, was nicht mehr da ist, ist dieser Automatismus, morgens als einer der ersten im Büro zu sein. Pünktlich da sein, immer präsent sein, die Dinge schnell erledigen: Das war mir immer sehr wichtig, das alles vorzuleben. So arbeite ich auch heute noch, nur ist eben diese Erforderlichkeit nach Außen nicht mehr da. Dafür bin ich sehr dankbar.

Frage: Insofern hat genügend Geld schon die Wirkung, die Arbeit freier zu machen...

Jung: Karl Lagerfeld meinte einmal, man hat dann genug Geld, wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss. Ich muss sagen, dieses Gefühl hatte ich nie. Es kann meiner Meinung auch nicht darum gehen, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern ganz simpel darum, das zu tun, was einem Freude macht. Und wenn man Glück hat, geht das Ganze dann auch noch nach vorne los.

Frage: Wäre es dann nicht ein Arbeitsideal, das zu tun, woran man Freude hat, aber ohne die übertriebenen Automatismen, im eigenen Rhythmus?

Jung: Das glaube ich nicht. Das ist auch eine Frage des Timings. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich den Automatismen nach 34 Jahren ein Stück weit entzieht oder nach zehn Jahren. Man kann keine grundsätzliche Modellhaftigkeit daraus ziehen.

Frage: Wie sähe Ihrer Meinung nach ein Ideal von Arbeit aus?

Jung: Normalerweise würde man sich vorstellen, dass ein solches Ideal in druckfreien Zonen besteht. Ich glaube aber, dass das nicht dem entspricht wie das Leben ist. Was eine wirklich gute Partnerschaft ausmacht, ist, Stresszeiten gemeinsam gut bewältigen zu können und nicht, überhaupt keine Stresszeiten zu haben. Arbeit ist eine Mischung aus Druck und Disziplin, die einen am Ende glücklich macht, wenn alles gut läuft. Genauso wie man es erst einmal schrecklich findet, morgens um sechs Uhr aufzustehen, um einmal um die Alster zu laufen. Wenn man es aber erst einmal getan hat, spürt man alle Endorphine der Welt. Ein solches Gefühl hat man aber erst durch die Überwindung stressartiger Symptome. Und daran wird sich auch nie etwas ändern.

Frage: Allerdings kann man schon das Gefühl bekommen, dass die Menschen heute zunehmend unter ihrer Arbeit leiden und der gefühlte Druck größer wird.

Jung: Ich will gar nicht ausschließen, dass das so ist. Es kann aber auch gut sein, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der wir uns ganz viel Reflexion leisten können, in der wir sogar, ob wir das wollen oder nicht, in die Reflexion reingeschubst werden. Man geht nach der Arbeit nach Hause, hatte einen schönen Tag, und dann liest man abends, dass der Chef einen zu sehr einschränkt, dass es zu viel Stress gibt und so weiter. Da denkt man dann plötzlich: Stimmt ja alles, eigentlich darf ich ja gar nicht glücklich sein. Eigentlich ist ja alles furchtbar! Die Frage ist, ob wir in unserer Wohlstandsgesellschaft heute nicht ein Luxusproblem bekommen haben. Ich bin mir da nicht sicher.

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