Sonntag, 25. September 2016

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Schauspieler Joachim Meyerhoff über Normalität "Unsere Gesellschaft ist unfassbar saugfähig für das Unnormale"

Was ist schon normal? Joachim Meyerhoff 2012 als Robinson Crusoe im Wiener Burgtheater. Der deutsche Schauspieler, Regisseur und Schriftsteller lebt mit seiner Familie in Wien. Am 12. November erscheint der dritte Teil seines Zyklus "Alle Toten fliegen hoch", in dem der 48-Jährige autobiografisch inspirierte Geschichten erzählt.

Philosophie ist auch die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen. Die Philosophiezeitschrift "Hohe Luft" hält sie lebendig: Prominente schreiben über große Themen. Diesmal: Schauspieler Joachim Meyerhoff über Normalität.

"Ich habe meine Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie verbracht, die mein Vater damals leitete. Ich wuchs unter 1500 Menschen mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen auf. So erlebte ich eine Umkehrung des Begriffes der Normalität: Um mich herum war alles die Ausnahme. Vieles von dem, was für mich selbstverständlich und Teil meiner Kindheitsidylle war, galt anderen als abnormal.

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Da waren Menschen, die nicht so aussahen, wie man meint, dass sie aussehen müssten. Wenn sie zornig waren, gerieten sie vollkommen außer sich. Wenn sie freudig waren, umarmten sie mich, küssten mich und ließen mich nicht mehr los. Andere waren in sich gekehrt und redeten seltsames Zeug.

Das war geheimnisvoll und manchmal auch unheimlich. So erschien mir die nahe Kleinstadt in Norddeutschland, in der eine biedere Normalität gelebt wurde, von Anfang an als langweilig - und manchmal sogar eigenartiger als die Psychiatrie selbst.

Es gibt einen Katalog der psychischen Störungen, der definiert, was normal ist und was nicht. Doch wo liegt die Grenze zwischen Trauer und Depression? Kann man den Menschen derart vermessen? Das erinnert mich an Peer Gynt, der auf der Suche nach dem Kern einer Zwiebel feststellt, dass diese nur aus Häuten besteht und kein Inneres, kein Zentrum, keine Substanz besitzt. So herrscht Normalität oft nur auf den ersten oberflächlichen Blick. Aber wer tiefer vordringt, Haut für Haut abschält, entdeckt stets etwas, das außerhalb der Norm steht.

Was ist denn schon normal?

Sobald wir jemandem wirklich nahekommen, erkennen wir: Es gibt sie gar nicht, diese Normalität. Welchen der Menschen, die wir gut kennen, würden wir schon als vollkommen normal bezeichnen? Auch ich bin nicht ganz normal. Sicher nicht klinisch auffällig, aber etwas ungewöhnlich. Zum Beispiel fasziniert mich das Rätsel des Todes. Ich bin geradezu besessen von Todesgedanken. In meinen Büchern schreibe ich über die Verluste von Menschen, die ich geliebt habe. Von meinem Vater, meinem Bruder. Ich werde diese Gedanken nicht los. Mein Umfeld findet es befremdlich, dass ich diese Dinge nicht hinter mir lassen kann. Doch vermutlich hat jeder Mensch eine derartige Besessenheit, etwas, das man auf den ersten Blick nicht gleich erkennen kann.

Mit manchen anderen ungewöhnlichen Angewohnheiten schmücken wir uns sogar. Schließlich wollen wir Individualisten sein. So ist es schon wieder normal geworden, nicht normal, also außergewöhnlich, sein zu wollen. Das ist gar nicht so leicht, denn unsere Gesellschaft ist unfassbar saugfähig für das Unnormale.

Plötzlich ist das vermeintlich Unnormale hip

Wer glaubt, anders zu sein, ist vielleicht nur einer Modewelle nachgeschwommen. Plötzlich ist das vermeintlich Unnormale hip. Andererseits finde ich, dass diese gesellschaftliche Offenheit ein hohes Gut ist. Es zeigt: Es gibt viele Freiheiten; es sind viele Lebensentwürfe möglich. In anderen Ländern muss man für seine Individualität mit dem Leben bezahlen. Ich glaube, dass wir unsere Normalität permanent hinterfragen müssen, wenn wir uns entwickeln wollen. Was gestern noch normal war, kann heute schon Enge oder Überheblichkeit bedeuten.

Dann gibt es gesellschaftliche Sehnsüchte, die vielleicht verboten sind. Bevor sie gelebt werden dür fen, muss erst einer kommen, der sich traut, kreuz und quer zu denken. Oft sind es Menschenrechtler, Wissenschaftler oder Künstler, die zu Stellvertretern für diese verborgenen Wünsche werden. Ich denke etwa an Schriftsteller wie Heinrich von Kleist, Franz Kafka oder Robert Walser. Randgestalten, die nie richtig in die Gesellschaft hineingekommen sind, weil sie ihr um Längen voraus waren. Doch ohne sie hätte sich unsere Gesellschaft nicht von der Stelle bewegt. Wir brauchen Menschen, die nicht ganz normal sind."

Protokoll: Janis Voss

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