Freitag, 16. November 2018

Star-Fotograf Anatol Kotte "Das Spiel entscheidet sich binnen Hundertstelsekunden"

Star-Fotograf Anatol Kotte: Der Ikonisator
Anatol Kotte

manager magazin online: Bei einer Ihrer Ausstellungen war ein Foto von Miss Piggy 400 Euro teurer als eines von Angela Merkel. Erklären Sie uns, warum?

Kotte: Wie viel eine Fotografie kostet, hängt von vielen Faktoren ab: Dem verwendeten Papier, der Auflage, der Art des Prints. Es war jedenfalls keine inhaltliche Wertung.

mm.de: Bei Miss Piggy dürfte es keine Probleme gegeben haben, aber meist wollen Prominente doch viel Kontrolle darüber, wie sie dargestellt werden, oder?

Kotte: Ja. Politiker etwa wollen gern ein bestimmtes Bild von sich. Denen hat mal ein PR-Berater gesagt, von welcher Seite sie am besten aussehen, welche Haltung, welches Lächeln am besten kommt. Ein Kollege von mir ist mal von einem prominenten Politiker gerügt worden, er sei zu tief unten mit der Kamera. Das ist schon ein erheblicher Eingriff in die Arbeit des Fotografen, nicht wahr?

mm.de: Wie können Sie diesen Machtkampf gewinnen?

Anatol Kotte
  • Copyright: Christine Rogge
    Christine Rogge
    Was macht ein Bild zur Ikone? Das weiß kaum jemand besser als der Fotograf Anatol Kotte, dessen Porträts von Politikern, Musikern und Schauspielern regelmäßig in großen Magazinen erscheinen. Anatol Kotte lebt und arbeitet in Hamburg.
Kotte: Das Spielchen entscheidet sich in den ersten Hundertstelsekunden. Ich habe da verschiedene Techniken. Bei Angela Merkel war das erste, was sie mir sagte: "Wir machen heute kein Porträt". Sie hatte sich vorbereitet. Aber in der Regel bekomme ich die Leute da hin, wohin ich sie für ein gutes Bild haben will. Das hat auch bei Frau Merkel geklappt.

mm.de: Mit was für Techniken denn genau?

Kotte: Manchmal rede ich einfach ohne Unterlass mit ihnen, und bevor jemand merkt, dass es los geht, ist es schon gelaufen. Oder ich gebe den Menschen ein sicheres Gefühl und zeige ihnen Bilder auf dem Rechner: So könnte es aussehen. Ich kann absolut verstehen, dass sie Angst haben. Sie sehen den Riesenaufbau und denken: Oh weh, jetzt muss ich auf der Hut sein. Diese Angst muss man ihnen nehmen. Ich bin ja nicht dafür bekannt, dass ich Leute in die Pfanne haue. Bei Sportlern ist es wichtig, klar zu sein. Für die meisten ist ein Fotograf einer, der mit der Kleinbildkamera um die Ecke kommt. Sie nehmen ihn nicht ernst. Da kann es helfen, eine Ansage zu machen. So wie ein Trainer. Darauf reagieren sie.

Buchtipp
Anatol Kotte

Nadine Barth
Anatol Kotte:
Iconication

Hatje Cantz Verlag, gebunden, 224 Seiten, Oktober 2015, 49,80 Euro

Jetzt bestellen
mm.de: Sind Prominente schwieriger zu fotografieren als Normalos?

Kotte: Da gibt es keine Regel. Es gibt Menschen, von denen man denkt, der ist sympathisch, das wird leicht - und dann wird es extrem anstrengend. Vor anderen hat man einen Riesenrespekt, man denkt: "Bloß nicht der", und dann wird es ganz wunderbar, und man fährt hinterher fast schon zusammen in den Urlaub, weil es so herzlich war.

mm.de: Wie unterscheiden sich die Herausforderungen?

Kotte: Bei Schauspielern oder Musikern hat man das Problem, etwas zu machen, was es noch nicht gab. Mit Rihanna oder Lady Gaga etwas zu finden, was sie noch nicht ausprobiert haben, ist sehr schwierig. Bei Politikern ist es eher umgekehrt. Da würde mir noch einiges einfallen, was man mit ihnen anstellen könnte. Manchmal klappt das. Mein allererstes Politikerporträt war eines von Oskar Lafontaine. Ich wusste: Das, was ich will, wird der nur einmal machen, deshalb habe ich mir das bis zum Schluss aufgehoben. Er hat in die 3000-Watt-Lampe gucken müssen, ich hab draufgedrückt, es machte wuuusch, danach hat er erstmal gar nichts mehr gesehen und sagte erwartungsgemäß "Nee, also das mache ich nicht nochmal." Aber ich hatte mein Bild.

mm.de: Ihr Buch heißt Iconication. Was erhebt ein Bild zur Ikone?

Kotte: Mir geht es darum, ein Bild zu machen, das man so noch nie gesehen hat, das ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich suche immer das eine Bild. Der Begriff beschreibt aber auch den fragwürdigen Aspekt der Arbeit des Fotografen: Der Wasserträger zu sein, der den Prominenten zur Ikone macht. Alle wollen toll aussehen, damit sie noch mehr Platten, noch mehr Tickets verkaufen oder noch mehr Stimmen bekommen. Und ich? Möchte noch mehr Bilder machen, die noch mehr Betrachter finden. Ich fotografiere nicht für mich selbst. Das ist der dritte Aspekt: Meine Bilder sollen mich überleben. Sie sollen noch da sein, wenn ich nicht mehr da bin, sie sollen vergessen werden, wiederentdeckt werden, immer wieder auftauchen.

mm.de: Wie lange brauchen Sie für ein gutes Bild?

Kotte: Man muss nicht erstmal mit jemandem durch den Harz gewandert sein, um ein gutes Bild von ihm machen zu können. Nichts gegen den Harz, aber das Porträt, das ich suche, lebt oft auch vom Überraschungsmoment. Manchmal ist es sogar besser, wenn man denjenigen gar nicht kennt. Ich bin lange vorher da, suche mir meine Ecke und weiß vorher schon genau, was ich will. Ich laufe dann nicht mehr mit der Kamera herum und probiere Sachen aus.

mm.de: Warum nicht?

Kotte: Mein Gegenüber soll keine Zeit haben, sich zu verstellen. Dieses Haltung annehmen und sich in Position bringen - das ist genau das, was ich nicht suche.

mm.de: Was passiert, wenn Sie jemanden fotografieren, und der mag Ihre Bilder dann nicht?

Kotte: Ich arbeite ja für Magazine, die ein gewisses Standing haben, das wird schon respektiert. Oft laufen Zensurversuche subtiler ab, ich nenne das den Versuch der geschmäcklerischen Übernahme. Die Menschen versuchen mich dazu zu bekommen, dass ich genau das Bild aussuche, auf dem sie sich selbst am besten gefallen. Bei Schauspielern ist das extrem - bei Politikern weniger, viele haben gar nicht mehr die Zeit, nach dem Shooting auf die Bilder zu gucken. Mit Frau Merkel etwa hatte ich nur zweieinhalb Minuten.

mm.de: Haben Sie schon Aufträge abgelehnt?

Kotte: Ja. Es gibt auch Personen, für die ich meine Kunst nicht einsetzen will. Nazis würde ich kategorisch ablehnen. Ich gehe meinen Job aber nicht parteipolitisch an. Ich denke eher in Kategorien von Gut und Böse.

mm.de: Machen Sie deshalb so viele Bilder in Schwarzweiß?

Kotte: Nein. Man kommt damit einfach schneller auf das Wesentliche. Bunte Krawatten können sehr stören, auch der Hautton ist manchmal schwierig, so nah, wie ich den meisten komme. Ich kann Farben nicht steuern. Schwarzweiß bietet den unverbauten Blick auf die Person. Das ist einfach das echte Leben.

mm.de: Werden Sie selbst gerne fotografiert?

Kotte: Nein. Dabei habe ich als Jugendlicher sogar Geld mit Modeljobs verdient. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich das einfach nicht mehr konnte. Wenn mich jemand heute bei der Arbeit fotografiert, ist das in Ordnung, aber wenn jemand Porträts von mir macht, finde ich das eher unangenehm.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH