Dienstag, 11. Dezember 2018

Lebenswege - Deutschbanker goes Nightlife "Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest?"

Club 20457: Wie Antonio Fabrizi vom Deutschbanker zum Clubbetreiber wurde
Joerg Lang

Antonio Fabrizi , 46 Jahre alt, hat die meiste Zeit seines Berufslebens bei der Deutschen Bank gearbeitet, seit vier Jahren aber betreibt er einen Club in der Hamburger Hafencity: Den Club 20457, benannt nach der Postleitzahl des neuen Stadtviertels, eine Location für Konzerte, Stand-Up-Comedy und Lesungen, aber auch eine Bar für den ganz normalen After-Work-Absacker. Während des Gesprächs am Nachmittag geht Fabrizis Blick immer wieder durch die vollverglaste Eingangswand des Club 20457 nach draußen: Der Mann interessiert sich für Leute. Für jeden, der vorbeikommt. Und erst recht für alle, die hereinkommen.

manager-magazin.de: Herr Fabrizi, wie ist Ihr Verhältnis zu Geld, so als Banker und Bar-Mann?

Fabrizi: Total super. Ich mag Geld sehr gerne. Ich kann Ihnen genau sagen, wie ich meine Miete erarbeite - die Bar, Events, ich weiß, wo meine Cashcows sind. Geld verdienen fällt mir nicht schwer. Ich habe mich für den Laden hier von einer Eigentumswohnung getrennt - das war schon ein Schritt ins Risiko.

Aber mein Verhalten hat sich komplett geändert. Als Banker bin ich die drei Kilometer zur Arbeit mit dem Dienstwagen gefahren, da hätte mich keiner auf dem Fahrrad gesehen. Jetzt bewege ich mich gar nicht mehr anders. Nach Berlin fahre ich mit dem Fernbus. Früher habe ich Sätze gesagt wie: "Ich habe nichts gegen xy, Hauptsache, ich verdiene mehr." Heute ist mir das egal. Ich mache nichts, was nicht zum Club passt: Ich mache keine geschlossenen Veranstaltungen für Banker. Oder für Lehrer. Das wäre lukrativ, aber es würde nicht passen. Einzeln können alle immer gerne kommen. Aber eine gute Mischung ist wichtiger als Geld.

mm.de: Verdienen Sie weniger als vorher?

Fabrizi: Es hält sich ungefähr die Waage. Klar, Annehmlichkeiten wie Urlaubsgeld oder Boni sind weg. Und ich frage mich zuweilen: Was passiert, wenn ich mir ein Bein breche? Oder wenn ich morgens aufwache und plötzlich denke: Ich habe keine Lust mehr, was jetzt? Als Angestellter ist das einfach: Man kündigt. Aber ich hoffe, dass dieser Moment für mich nie mehr kommt. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, wieder für jemand anderen zu arbeiten. Und die Menschen, die für mich arbeiten, die kann ich nicht im Regen stehen lassen.

mm.de: Vier Mal haben Sie bei der Deutschen Bank gekündigt. Erst beim vierten Mal waren Sie weg.

Fabrizi: Es gab halt immer wieder tolle Angebote. Ich war noch keine 25 Jahre alt, als ich Führungsverantwortung bekam. Mitte der 90er hatte ich bei der Bank 24 begonnen, das war die Multichannel-Retailbank der Deutschen Bank. Wir arbeiteten in Bonn in einer Art Loft, wir waren alle wahnsinnig jung, wir teilten uns die Pizza aus dem Karton. Nach drei Jahren führte ich 90 Mitarbeiter und neun Teamleiter, aber mir wurde langweilig.

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Ich bin ins Firmenkundengeschäft eingestiegen, aber nach drei Jahren wollte ich wieder weg. Ich wurde Vertriebscoach und Trainer für Führungskräfte. Später übernahm ich die Filiale im feinen Blankenese in Hamburg, weil es mir gefehlt hatte, selbst Führungskraft zu sein.

Es war eine tolle Zeit. Aber ich nahm 30 Kilo zu. Ich traf mich morgens mit Kunden zum Frühstück, mittags zum Lunch, nachmittags zum Kaffeetrinken und abends zum Abendessen. Ich hatte Geld, ein tolles Auto und Visitenkarten, da stand drauf: "Deutsche Bank" und "Blankenese". Aber ich habe mich gefragt: Wer bin ich eigentlich, wenn man mir meinen Anzug wegnimmt? Meine Karten und mein Auto?

Dann kam wieder ein Angebot: Ich sollte für die Deutsche Bank das Geschäft in der Hafencity aufbauen, dem ganz neuen Hamburger Stadtteil. Damals waren wir hier alle Pioniere. Man lernte ständig neue Leute kennen, manche scheiterten, alle hatten Ideale - und dann ging ich zurück in die Bank, Meetings, Telefonkonferenzen. Da war mir schon klar: Das wird nichts mehr. Ich muss da raus.

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