Freitag, 16. November 2018

Gallianos Schimpf-Tiraden Absturz des Paradiesvogels

John Galliano: Vom Wunderknaben zum Pöbler
Reuters

Erst gefeiert, dann gefeuert: Stardesigner John Galliano droht in Frankreich ein Verfahren wegen antisemitischer Ausfälle, jetzt hat ihm auch noch sein Arbeitgeber Dior gekündigt. Gallianos Umfeld erklärt die Affäre mit Überarbeitung - und erntet dafür Hohn und Spott.

Hamburg - In Paris sind sie die Stars der Szene, wahre Lichtgestalten mit Schere und Schneidebogen: In der Hauptstadt der Mode zählen die Couturiers der Edelmarken zu den ruhmreichen Vertretern der französischen Zivilisation, gleich neben Schauspielern, Literaten, Künstlern und Köchen. Balmain, Cardin, Chanel, Lanvin, Patou, Saint-Laurent - wer in den Kreis der schöpferischen Spitzentalente vorgedrungen ist, wird verehrt und gefeiert.

Das gilt sogar für Ausländer. Ob Calvin Klein, Emanuel Ungaro, Paco Rabanne oder Karl Lagerfeld: Auch sie gehören zur Schar legendärer Schöpfer, die in an der Seine Karriere machten oder dort gar in die Führungsetagen der etablierten Modehäuser aufstiegen.

Auch John Galliano, 50, gehörte zu dieser erlesenen Riege, jetzt aber droht dem extravaganten Stardesigner der Rauswurf aus dem Pantheon. Galliano wurde wegen rassistischer und antisemitischer Ausfälle von seinem Arbeitgeber, dem Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy (LVMH) Börsen-Chart zeigen, Besitzer der Marke Dior, sang und klanglos gekündigt.

Es ist ein brutaler Absturz: Der Brite, geboren in Gibraltar, inspirierter Wunderknabe und drei Jahre nach seiner Modeausbildung zum "Designer of the Year" gekürt, zog Anfang der 90er Jahre nach Paris. Fünf Jahre später avancierte er dank seiner ausgefallenen Entwürfe zum Chef-Couturier bei Givenchy. Er schockierte, sorgte für Schlagzeilen - und für Umsatz. Der Rockstar der Modemacher entwirft Kreationen für den Laufsteg, die ebenso offensiv wirken wie die seltsamen Selbstinszenierungen des Designers, der sich immer wieder gern in einem schrägen Piratenlook präsentiert, Lippenbart und Dreadlocks inklusive.

Steiler Fall für den Senkrechtstarter

Das hindert das Enfant terrible der Branche freilich nicht, sich 1997 vom Traditionshaus Dior anheuern zu lassen, wo die Dramaturgie seiner Defilees - stets gekrönt vom Schlussauftritt des Meisters - ihm den Ruf "göttlichen Wahnsinns" bescheren. Damit gelingt Galliano endgültig der Aufstieg in den Club der angehimmelten Genies.

Und jetzt der jähe Rauswurf aus dem Olymp der Mode. Womöglich landet Galliano bald auf einer Anklagebank. Mehrere Parteien haben Klage erhoben. Offenbar hatte Galliano am Donnerstag vergangener Woche in stark angetrunkenem Zustand ein Paar auf der Terrasse eines Pariser Cafés angepöbelt; eine Darstellung, die der Modeschöpfer umgehend dementieren ließ.

Doch kaum hatte sich die üble Entgleisung in der Hauptstadt herumgesprochen, meldete sich ein anderes Opfer bei der Polizei und zeigte Galliano ebenfalls wegen vergleichbarer Taktlosigkeiten an, die sich im vergangenen Jahr ereignet haben sollen. Und schließlich tauchte ein ominöses Video auf, veröffentlicht auf der Internetseite des Boulevardblattes "Sun", in dem Galliano in einer Kneipe lallend-aggressiv über das Äußere anderer Gäste herzieht. Die unappetitlichen Tiraden gipfeln in dem Bekenntnis: "Ich liebe Hitler".

Damit war beim Luxuskonzern LVMH die Grenze von Geschmacklosigkeit und Gesetzesverstoß überschritten. Antisemitische und rassistische Injurien sind in Frankreich strafbar. Der Vorgang sei mit den "Werten des Hauses" nicht vereinbar, ließ LVMH mitteilen, offenbar äußerst besorgt um seine internationale Reputation.

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