Freitag, 14. Dezember 2018

Audiokassette Abschied eines Massenmediums

Ein Stück technisches Kulturgut wird Ende August 40 Jahre alt. Auf der guten alten Kassette fanden Musik, Sprache, Computerdaten und die Gefühle ihrer Besitzer Platz. Kurz vor ihrem Aussterben erlangt die bedrohte Art Kultstatus.

Hamburg - Vor vierzig Jahren, im Sommer 1963, spricht in West-Berlin John F. Kennedy vor Bundeskanzler Konrad Adenauer, Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt und Zehntausenden von Zuhörern seinen berühmten Satz "Ich bin ein Berliner". In Westberlin wird in diesem Sommer erstmals Jogurt in Plastik verpackt und angeboten - ein Knüller. Ende August liegt auf der Internationalen Funkausstellung IFA ein weiterer im Philips-Pavillon: der erste Kassettenrecorder der Welt.

"Musik zur Entspannung": Werbefoto für den ersten "Taschen-Recorder 3300" von Philips (1963)
Der Kunststoffkasten misst kaum mehr als eine Zigarrenkiste und erinnert an einen silbernen Schuhkarton. Auf kleinen Kassetten mit 2 x 30 Minuten Spielzeit speichert er Musik oder Sprache und gibt sie wieder erkennbar über einen Lautsprecher aus.

Mit dem ersten tragbaren Kassettenrecorder konnte man endlich die Lieblingsmusik aus dem Radio oder von LP aufzeichnen, mitnehmen und abspielen, wann immer man Zeit und Lust hatte. Eine technische Sensation.

Der "Taschen-Recorder 3300", entwickelt von Mechanikern und Elektrotechnikern im Philips-Forschungslabor "Natlab" in Holland, passte in eine geräumige Aktentasche oder in eine Halterung unter das Armaturenbrett eines Autos. Das knapp 300 Mark teure und 1,5 Kilogramm schwere Gerät bewarb Philips als "sprechendes Notizbuch". Es wurde mit Mikro, Tragetasche und einer Kassette geliefert.#

Der VW Käfer der Tonindustrie

Die "Compact Cassette", ebenfalls eine Philips-Erfindung, enthält (bis heute) ein Band mit einer dünnen eisenhaltigen Oberfläche ("Ferro-Kassette"), das auf zwei kleine Spulen gewickelt ist. Für den Strom sorgten fünf Babyzellen-Batterien, die bis zu 20 Stunden Spielzeit möglich machten.

Die Kassette wird zum VW Käfer der Tonindustrie: Sie läuft und läuft und läuft. In 40 Jahren erlebte das Medium dabei eine beachtliche Evolution: der muffig klingende Monoton wurde bald durch Stereo ersetzt. Die Spielzeit wuchs erst auf 90, dann auf 120 Minuten.

Die Wiedergabe hoher Töne versuchte man mit Chromdioxid und Reineisen-Band zu verbessern. Das Rauschen unterdrückten Techniker der Dolby-Labore. Geschwindigkeitsschwankungen, schuld an jaulender Musik, unterband man mit leicht laufenden Kassetten und massiven Metallgehäusen. "Autoreverse"-Technik machte schließlich dem lästigen Umdrehen ein Ende.

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