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24. August 2003, 11:57 Uhr

Wegwerf-Kameras

Wer braucht das Einweg-Digi-Ding?

Von Jochen A. Siegle

Die Digital-Fotografie boomt, gleichzeitig sind analoge Einweg-Kameras en vogue wie nie zuvor. Logische Konsequenz für die Branche: Die Einweg-Digi-Cam muss her. In den USA versucht sich nun das erste Unternehmen an einem solchen Apparat, den die Welt nicht braucht.

Sommerzeit, Urlaubszeit. Alles war wohlgeplant, das Ticket schon seit Monaten gebucht, Hund und Katze sind bei Oma - und dann vergisst wieder wer die Kamera auf dem Küchentisch.

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Digitale Wegwerfkamera von Pure Digital: In Deutschland debattiert man über Dosen

Abhilfe schafft da die Einweg-Kamera von der Tanke oder aus dem Drogeriemarkt. Auch wenn die Bildqualität mager und die Nutzung umweltpolitisch nicht sonderlich korrekt ist, werden die Einfachst-Apparate immer beliebter: In den letzten fünf Jahren haben die Absatzzahlen gemäß der amerikanischen Photo Marketing Association jährlich um 15 Prozent zugelegt; in diesem Jahr sollen weltweit 400 Millionen Einweg-Knipser unter die Leute gebracht werden.

Über die Hälfte davon geht alleine in den USA über die Ladentheken, wo bereits fast jede fünfte entwickelte Filmrolle aus einer "Single-use"-Kamera stammt. Tendenz rasant steigend - während der Absatz von tradionellem 35-mm-Film vor allem auch angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Digitalkameras immer weiter schrumpft.

Warum also nicht eine digitale Einweg-Kamera erfinden, dachte sich das San Franciscoer Start-up Pure Digital Technologies. Seit Anfang des Monats ist deren erstes Produkt in den USA auf dem Markt.

Zwei Megapixel Auflösung, CMOS-Chip, automatischer Blitz, 25 Bilder Kapazität und Selbstauslöser sind die wichtigsten technischen Koordinaten der Pure Digital-Digi-Cam, die mit elf US-Dollar zu Buche schlägt.

Wenig Kamera für gar nicht so wenig Geld

Noch mal so viel zu berappen ist für die "Entwicklung" - inklusive Abzüge und E-Bilder auf CD-Rom -, die man nicht zu Hause am heimischen Rechner, sondern die nur der Fachhändler erledigen kann.

Mangels LCD-Display können gemachte Bilder auch nicht betrachtet werden, und löschen lässt sich nur das jeweils zuletzt geschossene Foto. Verwackler und sonstige Foto-Pannen können daher nur auf Verdacht eliminiert werden.

Technischen Restriktionen, bescheidener Bildqualität und sattem Preis zum Trotz hat die größte US-Fotohandelskette Ritz Camera die Pure-Digital-E-Knipser ins Sortiment genommen und einen Testlauf in 100 Filialen gestartet. Walt Disney wird den Apparat ab Herbst in seinen Ressorts und Freizeitparks anbieten; der Drogerie-Gigant Walgreens testet sie in Wisconsin.

Bislang ist man Pure-Digital-Marketingchef Simon Fleming-Wood zufolge mit den Verkaufszahlen derart zufrieden, dass im September die Zahl der Verkaufsstellen deutlich erhöht sowie neue Partner bekannt gegeben werden können.

Und das ist in der Tat eine handfeste Überraschung. Denn wer bitte kauft dieses - immerhin bis zu fünfmal recyclebare - Einweg-Digi-Ding, das die US-Presse gar als "wichtigen Meilenstein für die Fotoindustrie" ("San Francisco Chronicle") preist?

Wegwerf- versus Schnäppchen-Kameras

Laut Fleming ist die Pure-Digital-Kamera für Hobbyfotografen konzipiert, die technisch wenig versiert sind und nicht mit Kabeln und PCs hantieren wollen, sich aber dennoch für Digital-Fotografie interessieren. Da haben wir's also: Diese Cam ist eine Digitalkamera, die eigentlich nicht wie eine Digitalkamera funktioniert, wesentlich schlechtere Bilder als billigere Analog-Einweg-Pendants schießt, für Leute, die eigentlich gar keine Digi-Cam wollen.

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Pure Digital hat sich einer Art Hightech-Mission verschrieben: "Wir führen die Verbraucher an die Digital-Fotografie heran", erklärt Fleming-Wood. Damit könnte er unter anderem die räumliche Nähe meinen: Bei Ritz Camera liegen vollwertige 2-Megapixel-Kameras zum Mini-Preis von 79 US-Dollar - inklusive LCD, Speicherweiterung, Macro und Video-Funktion versteht sich - direkt neben den Möchtegerns von Pure Digital in der Auslage. Angesichts der immer weiter fallenden Preise von Digi-Cams zweifeln auch Analysten wie Tim Bajarin von Creative Strategies daran, dass digitale "Disposables" jemals eine bedeutende Rolle spielen werden.

Pure Digital will nichtsdestotrotz bereits im November mit einem Nachfolgemodell nachlegen. Das soll nicht nur über eine deutlich bessere Bildqualität, sondern auch über einen Farb-Bildschirm in Handy-Displaygröße verfügen und zwischen 15 und 20 US-Dollar kosten.

Damit kann man vielleicht auch eine weitere Zielgruppe erschließen: den Tech-Untergrund. Der besser ausgestattete Digi-Einweg-Fotoapparat könnte es Hackern wert sein, Tüftler-Hand anzulegen und die von Fleming-Wood gepriesenen "mehrstufigen Sicherheitsvorkehrungen" zu knacken, die das eigenhändige Entladen des Kameraspeichers unterbinden sollen. Das befürchtet auch Pure Digital: "Das wird sicher lustig zu beobachten, was sich die Hacker alles einfallen lassen, die Kameras selbst zu entleeren oder anderweitig einzusetzen", sagt Fleming-Wood.

P.S. Europa wird noch eine Weile auf die Einmal-Digi-Fotoapparate, die die Welt nicht braucht, warten müssen. Man habe eine Übersee-Expansion allerdings schon auf dem "Radar", heißt es bei Pure Digital.


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