Donnerstag, 20. September 2018

Faszination Fernlenkauto Kleine Wagen groß in Fahrt

Fernlenkauto: Mit quietschenden Reifen
Fotos
TMN

Sie sind selten größer als ein Schuhkarton, aber bis zu 120 Stundenkilometer schnell. Ferngesteuerte Autos gibt es in allen möglichen Varianten und mit verschiedenen Antrieben. In Sachen Faszination und Technik unterscheidet sie gar nicht so viel von ihren großen Vorbildern.

Berlin - Heiner Martin hat regelmäßig zwei Rennwagen im Einsatz. Drei bis vier weitere kann er jederzeit ohne viel Aufwand auf die Strecke bringen. Das ist in seinem Umfeld ganz normal: Viele, die seine Leidenschaft teilen, verfügen über einen ganzen Fuhrpark an Hochleistungssportwagen. Doch Martin bewegt sich nicht in der Welt der Superreichen und der Boxenluder. Er braucht auch keinen Helm und keine feuerfeste Kleidung, denn seine Autos sind ferngesteuert.

"Ich fahre seit Anfang der 70er Jahre", erzählt Martin. "Damals gabe es hier kaum Ausrüstung, und man musste alles aus den USA holen." Der 64-Jährige ist Schriftführer des Deutschen Minicar Clubs (DMC), dem "Dachverband für den funkferngesteuerten Automodell-Rennsport" in Deutschland. Er gehört zu den Pionieren des RC-Rennsports. Und ein ernstzunehmender Sport ist es: "Die Fahrzeuge werden bis zu 120 Stundenkilometer schnell", erklärt Martin. Um sie zu beherrschen, bedarf es unter anderem eines geübten Blicks und schneller Reflexe.

Die Bandbreite der RC-Autos sei enorm, berichtet Jan Schnare vom Magazin "Cars & Details", das sich in erster Linie an Einsteiger und Fortgeschrittene richtet. "Das geht von Modellen im Maßstab 1:26, die etwa handtellergroß sind, bis zu Autos im Maßstab 1:5. Die sind fast einen Meter lang." Doch die ganz großen Modelle sind selbst für den passionierten Rennfahrer Heiner Martin etwas zu speziell. "Der Großteil der Szene fährt Autos im Maßstab 1:8", sagt er. Auch die hätten Verbrennungsmotoren, mit Leistungswerten zwischen 1,8 kW/2,5 PS und 4,4 kW/6 PS.

Auf der Rennstrecke

Laut Martin sind in diesem Segment die Offroad-Fahrer in der Mehrheit. "Das liegt auch daran, dass es mehr Offroad-Strecken gibt, weil sie leichter zu realisieren sind." Vereinfacht gesagt müsse man für einen Offroad-Parcours nur ein Stück Wiese plattwalzen und einige Sprunghügel aufschütten, erklärt Martin. Die meisten dieser Rennstrecken würden jedoch noch über einen Belag aus Kunstrasenteppich verfügen, weil man da nicht so leicht Löcher reinfahren könne wie in Lehm. Im Vergleich zu einem Straßenparcours ist der Aufwand aber überschaubar. "Eine Asphalt-Piste kostet leicht 80.000 Euro", sagt Martin.

Das ist auch fast die Größenordnung, in der sich die Strecke der RC Speedracer Bernau bewegt. Der Verein in der Nähe von Berlin hat gerade erst seine Asphalt-Piste fertiggestellt. 280 Meter ist sie lang und an der engsten Stelle 4 Meter breit. "Das letzte Jahr war richtig anstrengend", berichtet Teamleiter Andreas Liebermann - und nicht ganz billig: "Wir haben das kürzlich mal durchgerechnet, da müssten so zwischen 50.000 und 70.000 Euro verschwunden sein." All das sei privat finanziert, denn Sponsoren gewinne man frühestens, wenn so eine die Strecke fertig sei und der Rennbetrieb laufe. "Unsere Strecke ist so gebaut, dass nationale Veranstaltungen darauf ausgetragen werden können", sagt Liebermann.

Wie im Rennsport im Maßstab 1:1 gebe es dafür ein Reglement, das eingehalten werden muss. "Zwar brauchen wir nicht in dem Sinne Auslaufzonen, aber die Sicherheit der Zuschauer muss gewährleistet sein", sagt Liebermann. Für internationale Events wären die Vorschriften indes noch weit strenger gewesen: "Da müsste der Fahrerstand noch höher sein, im Fahrerlager muss genügend Platz für alle Teilnehmer sein."

Rennen mit ferngesteuerten Autos seien echte Teamveranstaltungen, berichtet Liebermann. "Da gibt es den Fahrer und den Boxenhelfer, der immer für das Auto da sein muss." Der Fahrer steht in Bernau bei den Speedracern auf einem 2,50 Meter hohen Container - dem Fahrerstand - und kann von dort nicht nur die Asphalt-Strecke überblicken, sondern auf der anderen Seite auch den Offroad-Parcours, der schon im vergangenen Jahr fertig wurde. Die Speedracer gibt es zwar schon seit 2003, doch "unser altes Gelände mussten wir aufgeben, weil es Probleme mit den Nachbarn gab", erzählt Liebermann. "Die Verbrenner sind nämlich ziemlich laut."

Seite 1 von 2

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH