Montag, 11. Dezember 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Wird der Babelfisch Wirklichkeit? Ohrstöpsel soll live übersetzen können

Übersetzung im Ohr: Der Babelfisch soll Wirklichkeit werden
Fotos
Waverly Labs

Eine neue Sprache lernen kostet Zeit und Geduld - wäre es nicht viel toller, wenn man sich einfach ein kleines Gerät ins Ohr stecken könnte, das alles simultan übersetzt, was man hört und sagt? Das Start-Up Waverly Labs will ein solches Gerät im Herbst auf den Markt bringen. Science-Fiction-Freunde erinnert die Idee an den Babelfisch aus Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis" - das kleine Tier lebt von Gehirnwellen im Ohr seines Trägers und übersetzt alles in dessen Sprache. Im Star-Trek-Universum gibt es den Universalübersetzer, der dieselbe Fähigkeit besitzt.

Der "Pilot" von Waverly Labs soll, per Bluetooth mit dem Handy seines Besitzers verbunden, tatsächlich in Echtzeit übersetzen. Die Spracherkennung läuft über einen Clouddienst, das Ganze soll aber auch offline funktionieren. Zwei Ohrstöpsel sollen es ermöglichen, mit einem anderen Menschen zu kommunizieren, obwohl beide in jeweils ihrer Sprache reden - jeder trägt dabei einen Knopf im Ohr.

Kosten soll das Gerät zwischen 249 und 299 US-Dollar, finanziert werden soll das Projekt über die Crowdfunding-Plattform Indiegogo. Zunächst sollen Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch verfügbar sein, später auch andere Sprachen, darunter asiatische und afrikanische.

Im Werbevideo unterhält sich einer der Waverly Labs-Gründer mit einer Französin - ihre begeisterte Reaktion wird sofort in ein "This is awesome" übersetzt. Aber trotz der immensen Fortschritte, die Übersetzungsprogramme in den vergangenen Jahren gemacht haben, scheint ein wenig Skepsis angebracht: Komplexe Texte live ruckelfrei in eine andere Sprache zu übertragen ist derzeit noch nicht ganz möglich. Dialektale Abweichungen, grammatische Schnitzer und schwammige Bedeutungsfelder machen die Aufgabe schwierig.

Das ist schon in schriftlicher Form so. Füttert man beispielsweise den viel genutzten Google-Übersetzer mit ein paar Sätzen aus der französischen Tageszeitung Le Monde, passiert folgendes: "L'ajustement des effectifs des fonctions publiques semble devenir un enjeu majeur des primaires et de l'élection présidentielle de 2017. La semaine dernière, MM. Juppé et Fillon se sont critiqués mutuellement de trop vouloir couper ou, à l'inverse, de manquer d'ambition." wird zu "Die Anpassung der tatsächlichen öffentlichen Amt scheint in 2017. Letzte Woche ein wichtiges Thema der primären und Präsidentschaftswahlen zu werden, Mr. Juppé und Fillon haben einander zu kritisieren wollen, oder umgekehrt zu schneiden, von Ehrgeiz fehlt."

Newsletter von Maren Hoffmann

Man bekommt eine Ahnung, was gemeint ist, für einzelne Floskeln oder Wörter ist das Tool auch brillant - aber bei komplexen Sachverhalten wird es, siehe oben, schwierig. Microsoft bietet für Skype einen Echtzeit-Translator an - der nach einem Test der "Computerbild" ziemlich ordentlich funktionieren soll, aber nur mit einfachen Sätzen. Welches der System dem Pilot zugrunde liegen wird, hat Waverly Labs bisher nicht mitgeteilt.

Ob das Gerät sich in der Praxis bewährt, wird sich erst nach dem Launch zeigen. Dass Waverly Labs sich selbst nicht explizit auf den Babelfisch bezieht, mag übrigens noch andere Gründe haben als urheberrechtliche: Autor Douglas Adams schrieb über das Wesen, es habe durch die Abschaffung der Sprachbarrieren "mehr und blutigere Kriege" verursacht als irgendjemand sonst in der gesamten Geschichte der Schöpfung.

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH