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12.09.2018  Wachsende Bedeutung digitaler Dienste

Warum das iPhone für Apple immer unwichtiger wird

Von

AFP

Apple-Chef Tim Cook bei einer Präsentation in Chicago

Es ist ein jährliches Ritual, das bei Apple-Fans Kultstatus hat: Die alljährliche Vorstellung des neuen iPhones und anderer Produktneuheiten - rechtzeitig vor dem für Apple so wichtigen Weihnachtsgeschäft.

Auch in diesem Jahr waren schon Wochen vor Tim Cooks Auftritt am Dienstag im Steve-Jobs-Theater auf dem neuen Firmengelände Apple Park die Medien voll von Vorberichten, Vermutungen und Gerüchten, was der Konzern aus Cupertino wohl dieses Jahr in Petto haben dürfte: Wie groß die Bildschirme sein werden, ob der Home-Button wegfällt, in welchen Farben die neuen Modelle angeboten werden - und zu welchem Preis.

Apples Strahlkraft ist ungebrochen - auch wenn der Konzern hinter Samsung und Huawei auf den dritten Platz verdrängt worden ist, was die Zahl der verkauften Smartphones angeht. Der Börsenkurs hat innerhalb der vergangenen zwölf Monate um 38 Prozent zugelegt. Und Apple hat als erstes Unternehmen Anfang August die Billionen-Dollar-Marke bei der Marktkapitalisierung geknackt.

Probleme, seine Preise bei den Kunden durchzusetzen, hat Apple nicht. Nicht nur, dass Apple-Großaktionär Warren Buffet kürzlich öffentlichkeitwirksam verkündete, dass er lieber auf sein Flugzeug denn auf sein iPhone verzichten würde. Und dass das iPhone im Verhältnis zu seinem Nutzen noch "viel zu günstig" sei.

Preiserhöhungen von 11 Prozent bei der Vorstellung des iPhone6 Plus und 15 Prozent im vergangenen Produktzyklus nehmen die Kunden klaglos hin. Selbst als Apple im vergangenen Jahr mit seinem High-End iPhone X die Preisgrenze von 1000 Dollar knackte, hielt das viele Apple-Afficionados nicht davon ab, zuzuschlagen.

Zwar verkauften sich vor allem in weniger wohlhabenden Ländern günstigere Modelle deutlich besser. In einigen Industriestaaten wie den USA war das iPhone X laut den Marktforschern von counterpoint research aber sogar für einige Monate nach dem Marktstart das am häufigsten verkaufte Modell überhaupt.

Auch wenn das iPhone X auf längere Sicht bei der Zahl der abgesetzten Modelle klar hinter dem Rekordinhaber iPhone 6 zurückblieb: Aufgrund des hohen Preises erwies sich das High-End-Modell als Umsatzbringer zuletzt ebenso erfolgreich wie das gefeierte Rekordmodell. Zudem gehen Experten davon aus, dass der hohe Preispunkt des X auch für den Absatz des iPhone 8 günstige Auswirkungen hatte - da viele Kunden offenbar auf das vermeintlich "günstige" iPhone 8 ausgewichen sind.

Eine Strategie, die Apple womöglich auch bei der kommenden Präsentation berücksichtigen dürfte, bei der auch Modelle zu einem günstigeren Preis erwartet werden. Zudem sitzen laut Schätzungen des Apple-Analysten Above Avalon aktuell rund 150 bis 175 Millionen Nutzer auf zwei bis zweienhalb Jahre alten iPhones, was den Verkäufen der neuen Modelle auch noch einmal Auftrieb verleihen könnte.

Doch auch wenn sich die chinesischen Zulieferer laut Branchenberichten wieder auf einen Absatzboom des neuen iPhone einrichten: Der Smartphone-Markt in einigen Regionen der Welt ist längst gesättigt. Und der weltweite Smartphoneabsatz ist bereits seit 2017 rückläufig. Wachstum erwarten Beobachter vor allem inSchwellenländern wie Indien, wo der Trend eher zu günstigen Modellen denn zu hochpreisigen Apple-Produkten geht.

Längere Nutzungsdauer

Legten sich Nutzer früher teilweise über ihre Telefonverträge jährlich ein neues Smartphone zu, hat sich die Nutzungsdauer der Telefone mittlerweile deutlich verlängert. Laut einer Umfrage von Loup Ventures warten Nutzer in den USA mittlerweile sogar durchschnittlich 3,5 Jahre, bevor sie sich ein neues Smartphone kaufen. Der Marktforscher Gartner taxierte den Wert für 2017 auf 2,59 Jahre. Und legt der Käufer sie ab, haben viele Apple-Geräte ein zweites Leben. Schätzungen zufolge nutzen rund 20 Prozent aller iPhone-Nutzer gebrauchte Telefone.

Doch die iPhone-Verkäufe sind es schon lange nicht mehr, die das Wachstum bei Apple vorantreiben. Zwar machte Apple alleine mit seinem margenstarken iPhone X laut counterpoint Research im letzten Quartal 2017 35 Prozent aller Gewinne auf dem Smartphone-Markt. Und auch der Umsatzanteil der Smartphones am Gesamtumsatz von Apple ist mit bis zu 70 Prozent (1. Quartal 2018) beträchtlich.

Das Wachstum sehen viele Experten aber längst woanders. So geht die Morgan-Stanley-Analystin Katy Huberty davon aus, dass alleine in den kommenden fünf Jahren Inhalte und Dienste wie der Apple-Store, Apple Music oder die iCloud für 67 Prozent des Umsatzwachstums verantwortlich sein werden.

Welches Potenzial der margenstarke Apple-Store hat, zeigen schon die Umsatzzahlen von 2017 mit 42,5 Milliarden Dollar - eine Verdoppelung innerhalb von zwei Jahren.

Und Apple arbeitet bereits an weiteren Geschäftsmodellen: So hat der Konzern aus Cupertino im Juni den Aufbau eines eigenen Musikverlaggeschäftes angekündigt und mit seinem iMusic-Angebot den schwedischen Konkurrenten Spotify beim Wachstum zuletzt überholt.

Wird Apple zum Netflix-Konkurrenten?

Aber auch in andere Teile der Medienlandschaft haben Tim Cook und seine Mannen bereits die Fühler ausgestreckt. So hat der Konzern Medienberichten zufolge für Millionen die Rechte an mehreren Hollywoodfilmen gekauft und exklusive Partnerschaften mit Start wie Oprah Winfrey geschlossen, was Gerüchten, Apple plane eine Netflix-Konkurrenz neuen Auftrieb verlieh. Was einige Analysten sogar schon über den Abo-Preis spekulieren ließ, den Apple am Markt durchsetzen könnte.

Und auch im Zeitschriftengeschäft hat Apple offenbar noch eine Menge vor. Für den Ausbau seines im März erworbenen Zeitschriftendienstes Texture versucht das Unternehmen derzeit offenbar Mediengrößen wie die "Washington Post" oder die "New York Times" zu gewinnen.

Für all diese Dienste braucht Apple allerdings ein Ökosystem, das sich der Konzern noch immer vor allem mit neuen iPhones schafft. Angesichts von weltweit geschätzt 700 bis 800 Millionen iPhone-Nutzern und dem Hype, der sich auch in diesem Jahr wieder schon Wochen vor der Präsentation der neuen Telefone breit gemacht hat, muss sich Tim Cook darüber aber wohl keine Sorgen machen.

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