Samstag, 28. Mai 2016

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Der Hype um die forschen Wein-Newcomer Prädikat: Jungwinzer

Euphorisch feiert die Weinszene ihre Newcomer, kauft ihnen verwegene Experimente so begeistert ab wie das Beharren auf Hergebrachtem. Aber reicht es, jung und forsch zu sein, um Erfolg zu haben?

Ist das ansteckend? Fast könnte man es meinen, so schnell und so vehement wenden sich Weinfreunde derzeit einer neuen Modeerscheinung zu. In erstaunlichem Tempo hat sie Keller, Weinkarten und Handelssortimente geprägt, den Geschmack von Sommeliers und Genießern verwandelt: der Jugendwahn.

Waren bislang die mehrere Generationen zurückreichenden familiären Wurzeln, mit denen ein Weingut aufwarten konnte, ein Beweis für große Weinkultur und Schwielen, die das harte Arbeitsleben an den Händen des Winzers hervorgebracht hatte, ein Zeichen für besondere Vertrauenswürdigkeit, so erleben wir gerade eine völlige Umkehrung dieser Werte.

Alt und bewährt, das klingt zunehmend nach langweilig und gestrig, nur jung und forsch steht noch für schmackhaft und gut. Nach Kabinett, Spätlese und Großem Gewächs hat sich mit dem Begriff "vom Jungwinzer" ein weiteres Prädikat für deutsche Weine etabliert - und damit ein ganz eigenes Qualitätssegment, in dem man eigentlich alles tun, aber nichts falsch machen kann.

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Heft 6/2016

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Die Werbepsychologie kennt ein vergleichbares Phänomen und nennt es den "Halo-Effekt": Einem Produkt wird aufgrund einer spezifischen Eigenschaft quasi ein Heiligenschein (engl. halo) aufgesetzt, der dann alles überstrahlt, auch wenn es dafür keine sachlichen Gründe gibt. Wie schön das funktioniert, kann man gerade am Hype um den Jungwinzer erleben. Dessen durch Kritiker, Weinhändler und Sommeliers verliehene Glorie veredelt pauschal sein Tun auf vielfältige, ja manchmal in sich widersprüchliche Weise - radikal progressive Positionen werden durch sie ebenso geadelt wie erzkonservative.

So sichert zurzeit der Hinweis "von einem Jungwinzer" postmodernem kellerwirtschaftlichem Experimentaltheater problemlos den Zugang zu den Weinkarten von Luxusrestaurants. Manch ein eigentlich ungenießbarer orange wine wird als Offenbarung zur getrüffelten Poularde plötzlich ebenso überzeugt gefeiert, wie wir den Kanalgas-Duft des minimalinvasiv erzeugten "Sponti"- Weins eines jungen Wilden nun zu den Wohlgerüchen auf der Aromenpalette rechnen. Andererseits wird auch geradezu reaktionäres Beharren auf Althergebrachtem durch die Verzierung mit Jugendstil fast schon absurd verklärt. Dann erscheint etwa die Idee, im Rheingau ganz auf traditionellen Riesling zu setzen, als eine durch den Winzernachwuchs herbeigeführte spektakuläre Epochenwende.

Zum Autor
  • Copyright: U. Habib
    U. Habib
    Master Sommelier Frank Kämmer lebt als Weinberater und Autor in Waiblingen bei Stuttgart.
Selbst Deutschlands führendes Gourmet- Magazin zeigt hin und wieder Anzeichen der Infektion. So wurde hier anlässlich der Neueröffnung eines Restaurants vermeldet, auf dessen Karte stünden 300 Weine - "… Region-Typisches, Autochthones von jungen Winzern." Nun ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die keiner gesonderten Erwähnung bedürfte, dass eine seriöse Weinkarte nicht auf untypische Abfüllungen aus Freak-Sorten setzt, sondern eben auf Bewährtes. Doch geadelt durch den Zusatz "von jungen Winzern" erscheint selbst das Nächstliegende und Banalste plötzlich hervorhebens- und berichtenswert.

Nochmals gesteigert findet man das Fieber des Jugendwahns oft, wenn Jungwinzer und Jungsommelier aufeinandertreffen. Letzterer scheint sich geradezu moralisch verpflichtet zu fühlen, Ersterem zum Auftritt im Rampenlicht des Restaurants zu verhelfen. Weniger experimentierfreudige Gäste, die noch nicht infiziert sind, daher dem juvenilen Sendungsbewusstsein des Sommeliers misstrauen und doch lieber etwas Verlässliches von einem Altmeister bestellen, werden dann mit kaum verhohlener Verachtung ihrer offensichtlichen Ignoranz gestraft - ganz so, als käme die Frage nach einer bewährten Flasche von Heger, Dönnhoff oder Vollrads der Forderung nach mehr Bauerntheater an Frank Castorfs Berliner Volksbühne gleich.

Damit wir uns richtig verstehen: Ja, es ist wunderbar, dass wir mittlerweile so viele ehrgeizige, hoch motivierte und bestens ausgebildete junge Winzer in Deutschland haben. Und, ja, es ist toll, dass diese Talente heute schneller als je zuvor ihren Platz in Medien, Weinregalen und Restaurantkellern finden. Doch bei aller Begeisterung für diese bemerkenswerte Weinmachergeneration sollten wir vielleicht manchmal innehalten und uns darüber klar werden, dass die Jugendlichkeit eines Winzers für sich genommen wenig zum Genuss beitragen kann. Mit Verlässlichkeit und Unaufgeregtheit sieht es dann aber schon anders aus.

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