Mittwoch, 28. September 2016

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Weinkritiker Stuart Pigott über seine Lieblingsbars Berlins verdammt edle Weinhöhlen

Stuart Pigotts Lieblingsbars: Ein Brite an Berlins Tresen
Fotos
Jörg Lehmann

Der Engländer Stuart Pigott, Freund des Rieslings und Feind von Konventionen, pendelt zwischen London und New York, doch sein Herz hängt an Berlin. Dort tourte der Weinkritiker für die Zeitschrift "Der Feinschmecker" durch seine liebsten Bars und Geschäfte.

Es ist Donnerstag. Beim Aufwachen stelle ich mit Begeisterung fest, dass ich nach einer halben Weltreise endlich wieder "da" bin. Ich liebe New York und London, fühle mich da auch zu Hause, aber ich bin berlinsüchtig. Hier ist schon der Einkauf von Gemüse, Käse und Wein ein Erlebnis. Ich stehe so schnell wie möglich auf, ziehe mich an und mache die Tür meiner Wohnung in Mitte hinter mir zu. Am Alexanderplatz steige ich in die S-Bahn, zusammen mit einer Mischung von Punks und Omis, Wessis und Ossis, Künstlern und Lebenskünstlern. Kreatives Chaos ist in Berlin unvermeidlich.

Schon 20 Minuten später stehe ich in der Markthalle Neun in Kreuzberg, wo es großartige Lebensmittel aus dem Berliner Umland und der europäischen Ferne gibt. Ganz besonders begeistert mich heute der Chevrondelle, ein Ziegenkäse aus der Eifel, den der rote Käsestand von "Knippenbergs" anbietet. Schnell sind meine Einkäufe erledigt, aber dann bleibe ich auf ein Glas Riesling "Unplugged" vom Nahe-Weingut Tesch an der Weinhandlung Suff hängen - der fröhliche Trubel in der gut erhaltenen Markthalle aus dem 19. Jahrhundert inspiriert mich. Hier spricht die Vergangenheit Berlins mit der Gegenwart, hier entsteht ein neuer kulinarischer Zeitgeist. Ich würde gern bleiben, auf einen herzhaften Teller aus der "Kantine Neun" von Michael Hoffmann, dem ehemaligen Patron des Spitzenrestaurants "Margaux", aber ich habe noch viel vor.

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Heft 9/2016

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Vor Hammers Weinkostbar in Kreuzberg stimmen sich schon ein paar Menschen mit einem Glas in der Hand aufs Wochenende ein, ich aber bin auf einen Kaffee hierhermarschiert. Nichts gegen Taxis, aber wer in Berlin immer von Tür zu Tür fährt, wird die Stadt nie ergründen! Das "Hammers" in einer ehemaligen Fleischerei ist Weinbar, Weinhandlung und Café zugleich - und ein Beweis dafür, wie lebendig und lustig das kulinarische Berlin ist. Manuela Sporbert und Jürgen Hammer sind fast erschreckend umtriebig, verbinden auf eine gefährlich ansteckende Weise Wissen und echte Weinkultur mit Lebensfreude. "Es ist nie zu spät für Frühburgunder!" und "Es ist nie zu früh für Spätburgunder!" sind Hammer-Witze mit hohem Wahrheitsgehalt, also lasse ich mich nach dem Cappuccino zu einem Glas Spätburgunder-Sekt von der Shelter Winery in Baden verführen. Dann geht's weiter, mit der U-Bahn gen Westen.

In der coolen Weinhandlung Viniculture in Charlottenburg stehen nämlich einige spannende Weine zur Verkostung an. Schon bevor "Naturweine" zum Trend wurden, hatte sich der Pfälzer Holger Schwarz auf sie spezialisiert, er bietet aber auch viele Flaschen von schrägen Winzern wie Sven Leiner (Bioweine, Spontanvergärung mit hohem Qualitätsanspruch) aus der Pfalz und Christian Stahl (neue Weintypen, weg von den klassischen Etiketten) aus Franken. Die Kundschaft ist eine bunte Mischung aus Kiez und Kopenhagen. "Der ist doch oxidiert!", höre ich ebenso wie: "Das ist ein echter Ur-Wein!", während ich den orange farbenen Sancerre, einen lange auf der Schale vergorenen, sogenannten orange wine von Riffault verkoste - hier herrscht eben radikale Geschmacksdemokratie. Aber jetzt muss ich dringend etwas essen!

So springe ich in einen Bus und fahre den Ku'damm hinunter. Am Adenauerplatz steige ich aus und biege in die Eisenzahnstraße ein. Das chinesische Restaurant Hot Spot, von Insidern nach dem Wirt Jianhua Wu auch "Mr. Wu" genannt, gibt es erst seit acht Jahren, es ist aber schon eine Institution. Wer Qualle oder Tausendjährige Eier zu gewagt findet, bestellt mit Tee geräucherte Ente (ohne Schärfe!) oder eingelegte Gurke (dezent scharf). Die Weinkarte bietet eine Fülle an tollen deutschen Weinen, jung und gereift, zu freundlichen Preisen. Ich freue mich, dass der Chef etwas Zeit hat. "Was hältst du von dem neuen Riesling von Franz Künstler?" - "Wunderbar!" Dann erzählt er mir geduldig und liebevoll von den Feinheiten der chinesischen Esskultur. Schön: Im 21. Jahrhundert treffen sich England und China friedlich in der deutschen Hauptstadt!

Der Rückweg Richtung Osten schließt einen Abstecher in die Weinhandlung Planet Wein am Gendarmenmarkt ein. Die Chefin Anja Schröder bietet Verkostungen mit oder ohne Käse und andere spannende Abendveranstaltungen an, ich hole mir das neue Programm. Gute Weine kann man an vielen Orten in Mitte kaufen, aber für mich ist dies die beste Adresse des Bezirks, weil es hier persönlich und ausgesprochen freundlich zugeht. Ein paar Termine trage ich gleich in meinen Kalender ein.

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