Freitag, 19. Oktober 2018

Einen Cappuccino und eine Lampe, bitte! Warum immer mehr Cafés zu Läden werden

Trend-Check: Shopping im Cafe
Riceteria By Rice

Kaffee, Kuchen, Krimskrams - immer mehr Lokale bieten neben kulinarischen Köstlichkeiten auch ein kunterbuntes Einkaufserlebnis an, von Einrichtungs-Accessoires bis zu feinen Dessous. Kann sich das neue Konzept durchsetzen?

Ein Besuch in der neu eröffneten "Riceteria" in Hamburg-Eppendorf ist wie ein Ausflug ins Bonbon-Wunderland, ein wahr gewordener Mädchentraum in Rosa und pastelligen Grün-, Blau- und Gelb-Tönen. Die augenfälligste Besonderheit dieses Cafés ist jedoch nicht sein farbenfrohes Interieur, sondern der Umstand, dass jedes einzelne Accessoire mit einem Preisschild ausgezeichnet ist - vom Sofakissen, das einem beim Kaffeeklatsch den Rücken stützt, bis zum zart geblümten Lampenschirm, der die Lese ecke im Hinterzimmer erhellt. In der "Riceteria" verschmilzt das Café mit einem Shop des dänischen Labels Rice, jeder Besucher ist Gast und potenzieller Käufer in einem.

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Das Konzept funktioniert. Mittlerweile schießen solche Gastronomie-&-Laden-Kombinationen in ganz Deutschland aus dem Boden, ob im großstädtischen Hipster-Viertel oder im Landlust-Traum auf dem Dorf. Die Kombination von Café und Wohnaccessoires scheint dabei am beliebtesten zu sein. Kaffee, Kuchen, Kissen und Kerzenständer - das passt zusammen. So bietet das Münchner "Marais" neben dem Kaffeegeschäft auch Vintage-Möbel an, während man im Berliner "Mamsell" oder im Bad Tölzer "Café im Süden" Geschirr und bunte Kleinigkeiten kaufen kann.

Daneben gibt es jedoch auch Ladencafés, die einen anderen Fokus setzen. Dazu gehört zum Beispiel in Hamburg das stylishe "Fahrrad-Café St. Pauli" (was sich "FC St. Pauli" abkürzen lässt, wie der Fußballverein). Hier kann man mit einer breiten Fensterfront im Rücken Kaffee, Sandwiches und Kuchen genießen, während man sein Fahrrad reparieren lässt. Man kann sich aber auch gleich ein neues zulegen oder Zubehör kaufen, von der Klingel bis zur Luftpumpe. Noch exotischer wird es auf dem Land, im holsteinischen Burg, Kreis Dithmarschen. "Dat lütte Café" bietet nämlich nicht nur fantastische Kuchen und Torten an, sondern auch feinste Miederwaren. Ja, richtig gelesen: Korsagen, Strapsgürtel, Spitzenhöschen - erst die Sahnetorte, dann allererste Sahne-Dessous. Coffee with benefits sozusagen.

Der Erfolg des Phänomens ist einfach zu erklären. Mit einem gut ausgewählten, hochwertigen Zusatzangebot locken Cafébesitzer Kunden, setzen sich von der Konkurrenz ab und erwirtschaften im günstigsten Fall einen soliden Gewinn aus dem Nebengeschäft. Ein ähnliches Konzept kennt man bereits von Großunternehmen wie Tchibo, der Mutter aller Shop-Cafés. Erleben wir also gerade die Tchiboisierung der Cafébranche? Geht bald nichts mehr ohne Extras?

Mit Blick auf die Gastro-Szene, könnte man dieser Vermutung recht geben, denn Verschmelzungen sind in allen Sparten zu beobachten. Vom Möbelhaus über fashion stores bis zum Autohändler, überall tauchen neuerdings kulinarische Köstlichkeiten auf, von der modernen Pop-up-Küche bis zum Food Truck. Was früher ein simpler Imbisswagen mit Currywurst, Schaschlik und Pommes frites war, ist heute salonfähig und hip geworden. Das Konzept wirkt ja auch schlüssig: Ein satter Kunde, der gut gespeist hat, ist ein glücklicher Kunde - und gibt mehr Geld aus. Win-win!

Doch was ist für die Konsumenten drin? Warum stehen wir gerade so auf Café-Shop-Kombis? Vermutlich liegt es daran, dass alle ständig auf der Suche nach etwas Neuem sind. In der heutigen Zeit braucht es für ein erfolgreiches Café eben einfach mehr als guten Kaffee, Kuchen und Sahnetorte, denn wir sehnen uns nach etwas Besonderem, nach dem gewissen Extra. In den vergangenen Jahren versuchte die Branche zunächst, dieses Verlangen mit verschiedensten Food-Trends zu befriedigen. Erst kamen die Cookies, dann die Cupcakes und schließlich die farbenfrohen Macarons. Danach eroberten vegane Leckereien die Café-Auslagen. Kuchen und Schwarzwälder Kirsch? Gern doch, aber bitte mit Sojasahne und ohne Ei, wenn's geht. Dem Konsumenten von heute reicht ein reichhaltiges Angebot in der Auslage jedoch nicht mehr. Er will mehr als fancy Kuchenkreationen, supersüße Zuckerglasur und Karamellgarnitur - und zwar ein erinnerungswürdiges Erlebnis, etwas, von dem er erzählen (und es auf Instagram teilen) kann. Und das funktioniert über ein attraktives Zusatzangebot, wie es "Dat lütte Café" oder die "Riceteria" haben. Zum einen, weil es während des Besuchs was zu schauen gibt, zum anderen, weil man einen Teil der Café-Atmosphäre mit nach Hause nehmen kann, zum Beispiel in Form einer Vase oder einer hübschen Kaffeetasse.

Ob das Konzept auf Dauer Bestand hat, lässt sich nur vermuten. Wünschenswert wäre es, denn Laden-Cafés machen Spaß, auch wenn es im ersten Moment durchaus etwas merkwürdig ist, mit seiner Tasse zwischen Preisschildern zu sitzen. Doch sobald das erste Kuchenstück auf der Gabel steckt, entspannt sich die Seele, und der Blick fängt an, über die Regale zu schweifen. Das Polster dort hinten würde doch perfekt ins Wohnzimmer passen, oder? Und so verlassen viele "Riceteria"-Besucher das Lokal nicht nur mit einem Cappuccino und einem Stück Rocky-Road-Kuchen im Magen, sondern auch mit einem kleinen Korbstuhl unter dem Arm. Satt und zufrieden.

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