Mittwoch, 22. November 2017

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Parship-Erfinder Hugo Schmale über Liebe und Genuss "Viel mehr Familien sollten wieder Köchinnen engagieren"

Daniel Matzenbacher für Der Feinschmecker

Vor 15 Jahren hat Hugo Schmale das Partnerschafts-Portal Parship erfunden. Der Psychologieprofessor weiß nicht nur, wie Paare zusammenfinden, sondern auch, welche Rolle das Essen bei der Liebe spielt - denn er ist ein großer Genießer.

Hugo Schmale
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    Hugo Schmale, 84, ist emeritierter Professor für Organisations- und Arbeitspsychologie an der Universität Hamburg. Er hat Psychologie, Philosophie und Psychiatrie studiert. Anfang der 60er-Jahre hat er die Berufseignungstestbatterie (BET) als Forschungsauftrag des Landes Nordrhein-Westfalen entwickelt; 2001 erschien die 5. Auflage. Den "Algorithmus der Liebe" hat er für das Onlineportal Parship entwickelt und erneuert ihn ständig. Der Genießer lebt in Hamburg und Bayern.

Herr Professor Schmale, Sie haben vor 15 Jahren das Partnerschaftsportal Parship erfunden. Wie kam es überhaupt dazu?

Hugo Schmale: Ich bin der Meinung, dass es zwei Grundentscheidungen im Leben eines Menschen gibt: Was soll ich werden, und mit wem soll ich leben? So habe ich Anfang der 60er- Jahre die Berufseignungstestbatterie (BET) als Forschungsauftrag des Landes Nordrhein- Westfalen entwickelt. Und als ich an die Technische Universität München wechselte, nahm ich mir das Thema Partnerschaft vor und habe Tests für die Zeitschrift "Twen" entworfen. Der Verleger Dieter von Holtzbrinck fragte mich später dann, ob ich dies nicht auch ins Internet bringen könne.

In der Zeit haben sich doch bestimmt die Vorstellungen der Menschen von Partnerschaft verändert?

Schmale: Allerdings. Deshalb treffe ich mich auch regelmäßig mit Männern, Frauen und Paaren aller Altersgruppen und Schichten, um die aktuellen Wünsche auszuloten und das Testsystem entsprechend anzupassen.

Was sind die größten Veränderungen?

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Schmale: Es ist ja meistens die Frau, die das Bild von Partnerschaft bestimmt. Und auch wenn die Frauen schimpften, früher war der starke Mann, der Macho, gefragt. Dann, als Gegenreaktion, der verständnisvolle "Softie".

Jetzt möchten die meisten Frauen mit dem Partner auf Augenhöhe sein. Da passt sich der Mann wieder gut an - wie er etwa in der Küche werkelt … Aber auch die Frau verändert sich, wenn die Unterschiede verschwinden.

Ich sehe da eine Gefahr: Diese Haltung macht die Frau hart, sie verliert "Weiblichkeit". Man muss alles vielschichtig betrachten.

Interessant.

Schmale: Männer und Frauen sind - Gott sei Dank - eben nicht gleich, sie dürfen nicht gleich sein, es geht um die Differenzierung. Das Grundprinzip des Lebens ist auf Differenz aufgebaut. Das gilt bei Mann und Frau. Übrigens auch beim Essen.

Wie kommt das Thema Essen im Parship-Fragebogen zum Zuge?

Schmale: Auf vielfältige Weise und oft auf Umwegen.

Ich frage nicht: Bist du vegan oder Fleischesser? Ich frage etwa, wie jemand auf Liebeskummer reagiert: Isst er sich rund, hungert er, oder gibt es keine Veränderung im Essverhalten? Die beiden ersten Varianten sind die besten, denn der Gleichgültige liebt nicht mehr. Ich frage auch: Isst du nur, um den Hunger zu stillen oder um zu genießen? Lädst du deine Geliebte in ein Restaurant ein? Und wenn ja, in welche Art von Restaurant? Essen ist immer auch Kommunikationskultur.

Das Parship-System versteht den menschlichen Charakter als das Zusammenspiel von Kopf (Verstand), Herz (Gefühl) und Bauch (Instinkt) und sagt den Partnersuchenden, in welchem individuellen Verhältnis. Und gutes Essen hält alles zusammen.

Kann eine Veganerin mit einem Fleischliebhaber glücklich werden?

Schmale: Oh ja. Im Parship-System würde ich fragen: Wie gehst du damit um? Sagt jemand: "Kommt nicht infrage!", oder "Das können wir aushandeln"? Bei der zweiten Antwort muss ich dann wiederum herausbekommen, ob er es ernst meint, einen unterschiedlichen Geschmack zu tolerieren. Es geht da um die Akzeptanz der Andersartigkeit, um Toleranz.

Kann das Thema Essen und Trinken Paare auch auseinanderbringen?

Schmale: Allerdings - wenn der eine dem anderen eine Vorliebe nicht lässt, wenn ich etwa täglich dagegen angehe, dass meine Frau Milch in den Kaffee gießt. Nicht die Unterschiedlichkeit ist es, die Paare auseinanderbringt, sondern der Umgang mit der Unterschiedlichkeit. Auch beim Genießen.

Haben Paare, die gern kochen und gutes Essen schätzen, automatisch eine bessere Beziehung?

Schmale: Auf jeden Fall, das ist ein stabilisierender Faktor. Wie sie beim Essen und Kochen miteinander umgehen, zeigt mir wesentliche Argumente für ein Plus oder Minus der Beziehung.

Ich bin oft auf dem Hamburger Isemarkt und beobachte Paare beim Einkaufen, während ich meinen Kaffee trinke. Wie zwei einkaufen, das spricht Bände. Schickt er sie los, oder gehen sie gemeinsam? Besprechen sie sich, begutachten sie gemeinsam das Angebot? Wie wird ausgewählt, bezahlt, verhandelt? Wenn das nicht funktioniert, ist oft die ganze Beziehung in einer Schieflage.

Was denken Sie, wenn Sie Paare im Restaurant beobachten?

Schmale: Da können sich Welten öffnen. Aber Achtung: Wenn sich ein Paar schweigend gegenübersitzt, heißt das nicht automatisch, dass es keine gute Partnerschaft hat. Das ruhige gemeinsame Genießen kann auch die letzte Bastion einer wunderbaren Beziehung sein. Paare, die sich ständig beschwatzen, sind oft gar nicht mehr in der Lage, aufeinander einzugehen.

Interessant ist auch, wie Paare mit dem Service umgehen. Wie bestellt er? Wie bestellt sie? Daran sieht man, wie beide ihre Rollen spielen, die sie verteidigen oder sich erkämpfen.

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