Freitag, 15. Dezember 2017

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Sternekoch Holger Stromberg im Interview Was kocht man für die Fußball-Nationalmannschaft?

Sternekoch Holger Stromberg: Kochen für die Nationalmannschaft
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Holger Stromberg (Jahrgang 1972) kocht seit August 2007 für die Fußball-Nationalmannschaft. Nebenbei betreibt der Sternekoch auch noch zwei Restaurants - das "Kutchiin" in München und das elterliche "Gasthaus Stromberg" in Waltrop. Nun kündigte er an, sich vom Posten des Kochs der Nationalmannschaft zurückzuziehen. Im Kurzinterview mit manager-magazin.de erzählt der Familienvater von seiner Fußball-Zeit.

manager-magazin.de: Holger Stromberg, Sie haben zehn Jahre für die Fußball-Nationalmannschaft gekocht. Was waren Ihre besten Momente mit der Mannschaft?

Stromberg: Da fallen mir jetzt spontan so viele gute Momente ein, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, denn es waren gerade auch die leisen Augenblicke, die Alltagssituationen hinter den Kulissen, die über die gesamte Zeitdauer zu den für mich goldenen Momenten gehören.

Ich erinnere mich an den Anruf von Oliver Bierhoff im Jahr 2006, als er mich ganz direkt am Telefon gefragt hat, ob ich für die Nationalmannschaft kochen würde. Das geht immer noch ganz tief rein. Oder mein erster Einsatz, der mich gleich ins Wembley-Stadion führte.

Absolut unvergessen natürlich ist die WM in Brasilien, der Spirit innerhalb des gesamten Teams, mit welcher Stringenz, Kraft und welchem Fokus jeder am Erreichen des Ziels, diesem vierten Titel gearbeitet hat. Die letzten Minuten vor dem Abpfiff, die einfach nicht enden wollten. Dann diese nicht zu beschreibende Freude und Erleichterung über das Erreichte und natürlich der Empfang in Berlin, die Fahrt mit dem gesamten Team auf dem Bus durch diese Trauben von lachenden Menschen und Fans ... das war fast unwirklich. Da bekomme ich immer noch feuchte Augen, wenn ich daran denke.

mm.de: Brasilien forderte alle Kräfte - auch im Bereich der Küche, oder?

Stromberg: Brasilien war in Punkto Ernährung eine echte Challenge. Das Land ist toll, die Menschen waren unglaublich offen und herzlich aber das Bildungsniveau war erschreckend. Die Bedingungen in den Küchen waren zum Großteil echt unterirdisch: veraltet, marode und von Sauberkeit keine Spur. Da hieß es dann erst einmal Schwamm und Lauge in die Hand nehmen, bevor an Kochen überhaupt zu denken war.

mm.de: Und konnten Sie dann die gewohnte Küche anbieten?

Stromberg: Die brasilianische Küche ist ernährungs-technisch nicht sehr sportlergerecht. Sie gibt längst nicht so viel her, wie man das als Westeuropäer vielleicht vermutet. Einen Supermarkt, wie wir ihn hier vor jeder Haustür haben, gibt es dort nicht. Das Angebot ist viel karger und der Umstand, dass man keine Lebensmittel nach Brasilien einführen durfte, machte es auch nicht gerade leichter. Keine Gewürze, keine Pasta, keine Kräuter, nada. Aber am Ende haben wir es hinbekommen.

mm.de: Worauf haben Sie beim Kochen für die Nationalmannschaft besonders viel Wert gelegt?

Stromberg: Der Ansatz, den ich bei der Nationalmannschaft von Anfang an verfolgt habe, entsprach meinem Credo für gesunde Ernährung, das sich von jeher durch sämtliche meiner Unternehmenszweige und Engagements zieht. Ganz gleich für wen ich koche - ob Nationalspieler oder Restaurant-Gast - entscheidend ist immer die Qualität der Produkte und deren Weiterverarbeitung. Nur wo Gutes drin ist, kann auch Gutes am Ende dabei herauskommen. Das bedeutet für mich eine Nachvollziehbarkeit und eine Produkttiefe der Herkunft.

mm.de: Und was bedeutete das für die Spieler?

Stromberg: Es war mir wichtig, dass die Spieler verstehen, dass jeder Mensch seinen ganz individuellen Ernährungs-Masterplan hat. Dass jeder Einzelne lernen sollte, sich selbst zu fühlen und zu spüren, zu erkennen, was ihm gut und was ihm schlecht tut. Denn nur wenn man seinen Körper kennt, kann man die Ernährung dementsprechend anpassen. Dabei spielt die Natürlichkeit der Lebensmittel eine tragende Rolle. Je natürlicher ein Produkt ist, umso besser.

mm.de: Haben das alle Spieler gleich verstanden, ließen sich alle überzeugen?

Stromberg: Ich wollte ja von Anfang an etwas bewirken und bewegen, nicht nur die Pasta warm machen. Darum war mir klar, dass ich natürlich die Mannschaft überzeugen musste, und zwar nicht nur theoretisch sondern auch inhaltlich.

Dafür gab es von meiner Seite gerade zu Beginn natürlich die eine und andere Ermunterung, Empfehlung und auch Aufklärung über neue Produkte, Kräuter und Gewürze. Aber die Spieler sind ja Profis durch und durch. Sie wissen, dass Ernährung allein kein Spiel gewinnt, dass gute Ernährung sie aber leistungsfähiger macht. Insofern würde ich weniger von großer Überzeugungsarbeit sprechen.

mm.de: Sondern?

Stromberg: Es war in all den Jahren ein steter, begleitender Prozess, Ernährung in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen und weiterzuentwickeln. Mir war wichtig, auf Spielerseite das Bewusstsein für gute Ernährung weiter zu schärfen. Damit meine ich, dass es ein fortwährender Prozess für die Mannschaft war, in sich hinein zu hören und zu spüren, welche positiven Veränderungen gute, natürliche Ernährung mit sich bringt. Meine Aufgabe bestand darin, Gesundes lecker zu machen. Und das ist mir gelungen.

mm.de: Worauf haben Sie denn besonders geachtet?

Stromberg: Bei der Speisen-Zusammenstellung für die Mannschaft waren mir Vollkornprodukte ganz wichtig sowie das ausgewogene Verhältnis zwischen (komplexen) Kohlenhydraten, Eiweiß und gesunden Fetten.

Holger Stromberg
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    Sternekoch Holger Stromberg kocht künftig nicht mehr für die Fußball-Nationalmannschaft. Er bleibt den Spielern aber als Ernährungsberater erhalten.

mm.de: Durften sich die Spieler auch etwas wünschen?

Stromberg: Ich habe ja immer für rund 65 Menschen gekocht: 23 Spieler, um die 40 Betreuer. Da konnte ich natürlich nicht für jeden individuell kochen. Darum gab es immer ein Buffet, das möglichst vielseitig war und sowohl die unterschiedlichen ernährungsphysiologischen Optionen berücksichtigt, wie auch die kulinarischen Vorlieben.

mm.de: Also keine Extrawürste für Manuel Neuer und Co.?

Stromberg: Ich kann mich noch gut erinnern, als einer der Torwarte einmal zu mir kam und einen großen Teller Nudeln wollte. Aber nur, weil er dachte, dass Fußballer das nun mal brauchen. Ich fragte: "Wofür? Du läufst doch viel weniger als die Feldspieler. Versuch es mal mit weniger Kohlenhydraten und einer anderen Zusammensetzung!" Danach kam er nie wieder mit dem Wunsch nach Nudeln zu mir. Es kam aber auch vor, dass Feldspieler nur Fisch und Gemüse verlangten, weil sie sich damit unheimlich wohl fühlen. Das war und ist schlussendlich das Wichtigste und natürlich die schönste Form der Bestätigung für meine Arbeit.

mm.de: Gibt es ein Lieblingsessen aller Spieler?

Stromberg: Auf dem Buffet gibt es alles: von A wie Avocado bis Z wie Ziegenkäse. Pasta und Sushi wird gerne gegessen, Kartoffelpüree ist sehr beliebt. Ein Klassiker war und ist die Tomatensuppe "Spezial". Aber auch Gemüse stand immer mehr im Vordergrund und die meisten haben mittags sehr gerne abwechslungsreiche Salate und zum Nachtisch Milchreis oder Grießbrei gegessen. Wenn es einmal in die Richtung Wunsch ging, dann hatte dies vorrangig mit Ernährungsumstellungen zu tun. In so einem Fall schickte mir ein Spieler im Vorfeld eine SMS und fragte beispielsweise, ob ich Leinöl, Linsen oder Buchweizennudeln besorgen könne.

mm.de: Was hat Sie bewogen, nun mit dem Engagement bei der Nationalmannschaft aufzuhören?

Stromberg: Es geht jetzt um Zeit, um meine Familie und meine Gesundheit. Macht mir doch meine Wirbelsäule schon seit längerem zu schaffen. So schwer mir der Abschied auch gefallen ist, es war an der Zeit, mein Leben anders zu priorisieren, meine beruflichen Aufgaben und das bisherige Pensum zu reduzieren, um die Möglichkeit zu haben, künftig gesünder zu leben. Denn bis zum Ruhestand ist es bei mir noch ein gutes Stück hin. Aus meinem eigenen Unternehmen konnte ich ja schlecht aussteigen, darum blieb mir nur die enorm schwere Entscheidung, nach zehn Jahren Nationalmannschaft Servus und Danke zu sagen.

mm.de: Was haben Sie sich für die Zeit nach der Nationalmannschaft vorgenommen?

Stromberg: Ich kümmere mich mit meinem Team in München weiter um unsere Projekte in den Bereichen Catering, Veranstaltung, Schulcatering, Kochkurse und auch um das Thema Ernährungsberatung für betriebliches Gesundheitsmanagement. Dieses Feld habe ich schon vor Jahren bestellt und merke, dass es hier unglaublich viel Nachfrage gibt. Mir wird also ganz sicher nicht langweilig.

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