Freitag, 19. Oktober 2018

Mobile.de-Gründer Sapre "Ich lebe zielstrebig in den Tag hinein"

Frischgebackener Gastronom: Effilee-Herausgeber Vijay Sapre im Hamburger Literaturhauscafé
Ulrike Schmidt
Frischgebackener Gastronom: Effilee-Herausgeber Vijay Sapre im Hamburger Literaturhauscafé

Von der Theorie zur Praxis: Der Mobile.de-Gründer und Herausgeber der Foodzeitschrift "Effilee", Vijay Sapre, wird Gastronom und übernimmt das Hamburger Literaturhauscafé. Ein Gespräch über kulinarische und persönliche Ziele.

mm: Herr Sapre, Sie haben in den 90er Jahren das Gebrauchtwagenportal mobile.de aufgebaut. 2004 haben Sie es verkauft und sind seither Herausgeber der Foodzeitschrift "Effilee". Jetzt wollen Sie ein Café betreiben. Warum?

Sapre: Das Hamburger Literaturhauscafé ist ja eine Institution. Als der vorige Pächter Insolvenz angemeldet hat, hat mich eine ehemalige Mitarbeiterin darauf aufmerksam gemacht. Ich habe mir das dann angeguckt. Die Räume sind wunderbar.

mm: Waren Sie auf der Suche nach einem Objekt?

Sapre: Nein. Aber ich habe als Herausgeber von "Effilee" natürlich eine gewisse Nähe zur Gastronomie. Alleine hätte ich mir dieses Projekt auch nicht zugetraut, aber Oliver Schubert, der viele Jahre Erfahrung hat und derzeit als Privatkoch arbeitet, wird mich unterstützen.

mm: Sind Sie jetzt Gastronom? Oder sind Sie ein Privatier mit tollen Spielzeugen?

Sapre: Ich bin gestern abend erst um 23 Uhr aus dem Büro gekommen und war heute morgen um halb neun schon wieder bei der Arbeit. Das hört sich nicht nach Spielzeug an, oder? Es ist bei mir eher so, dass ich auch Dinge ernsthaft betreibe, die andere nicht so ernst nehmen - beispielsweise, als ich mit Anfang 20 gekellnert habe oder Taxi gefahren bin. Das habe ich beides auch richtig ernst genommen. Aber ich schaffe es, auch bei Dingen, die man ernst nehmen muss, Spaß zu haben. Wenn ich hier bin, denke ich nicht: Ich könnte jetzt auch schön in der Sonne sitzen.

mm: Die Schlagzeilen in der Lokalpresse lauteten sinngemäß: Internetmillionär wird Cafébetreiber.

Sapre: Der Internetmillionär geht mir allmählich auf den Sack. Den brauche ich nicht. Der Verkauf von Mobile.de ist zehn Jahre her. Für mich ist viel bedeutender, dass ich seit fünf Jahren Herausgeber und Journalist bin. Ich beschäftige mich intensiv mit der Gastronomie. Klar habe ich auch die Mittel, das zu machen. Aber wo diese Mittel herkommen, ist doch irrelevant. "Effilee" mache ich schon fast genauso lange wie damals Mobile.de. Da hängt mein Herz viel mehr dran.

mm: Warum ist das Literaturhauscafé eigentlich in die Insolvenz geschliddert?

Sapre: Es ist soviel gar nicht falsch gelaufen. Man hat in den vielen Jahren vielleicht ein bisschen den Drive verloren. Und es gibt einen erheblichen Investitionsstau, vor allem in der Küche. Mir ist klar: Der Schritt vom Beobachter zum Tun ist ein großer Schritt. Ich habe mehr zu verlieren als nur Geld, weil ich in der Kulinarik ja mittlerweile einen gewissen Ruf genieße. Ich habe nicht den Anspruch, hier Sterneküche zu machen. Ich werde auch nicht selbst kochen. Aber ich möchte hier eine sehr gute Bistroküche haben. Derzeit ist es, sagen wir, eine anständige Bistroküche.

mm: Wieviel Geld wollen Sie hineinstecken?

Sapre: Das kann ich noch nicht abschätzen. Aus dem anfänglichen Café ist ja mittlerweile so etwas wie ein Restaurant geworden, nur dass die Arbeitsmöglichkeiten sich nicht entsprechend mit entwickelt haben. Man muss auch die Räume anders organisieren. Eins ist sicher: Ich will Geld verdienen. Ich will nicht noch mal eine halbe Million versenken. Ich bin mir sicher, dass man das gut und profitabel und damit auch auf Dauer machen kann. Das ist mein Ziel. Für reines Mäzenatentum würde ich mir etwas anderes aussuchen.

mm: Was für ein Angebot schwebt Ihnen vor?

Sapre: Die Räume schreien ja mit ihrem Stuck und der Caféhausatmosphäre förmlich nach Wiener Schnitzel. Das gibt es auch bereits, aber das kann man noch besser machen. Ich habe einen Premiumanspruch. Wir werden den Restaurantteil mehr betonen. Unsere große Chance ist, dass wir durch den Betreiberwechsel auch alle Lieferantenverträge neu verhandeln können.

mm: Sie haben noch nie einen gastronomischen Betrieb geführt.

Sapre: Aber ich kenne mich aus, weil ich im Thema bin. Außerdem habe ich ja schon einmal ein Unternehmen geführt. Wenn man mit 40 Leuten arbeitet, dann ist der Unterschied ehrlich gesagt nicht groß, ob das nun Köche und Servicekräfte sind, Köche oder Softwareentwickler. Alle verdienen den gleichen Respekt.

mm: Sie haben mal gesagt, Sie seien selbst zu alt, um noch Koch zu werden.

Sapre: Das stimmt auch. Das ist körperlich ein knüppelharter Job. Das sollte man nicht unterschätzen. Ich kann ganz gut kochen, aber eine Restaurantküche ist etwas ganz anderes. Da muss man sich in vielen Jahren Reflexe antrainieren.

mm: Wie sehen Sie Ihre Rolle, wenn Sie nicht selbst kochen wollen?

Sapre: Ich werde es so ähnlich machen wie bei "Effilee". Ich helfe den Leuten, indem ich hier und da mal eine Entscheidung treffe. Unternehmen, denen es nicht gut geht, haben meist ein Führungsproblem. Chefs, die viel selbst machen, haben auch ein Führungsproblem. Ich will mit einer gewissen Distanz dafür sorgen, dass die Dinge funktionieren. Ganz viele Sachen gebe ich an die Mitarbeiter ab. Das neue Kassensystem, die Weinkarte, die Lieferantenauswahl - da sollen die Leute mehr Verantwortung haben. Das haben wir bei Mobile.de auch gemacht. Das läuft gut.

mm: Und wie läuft es bei Ihrer Zeitschrift "Effilee"?

Sapre: Wir haben die Redaktion verkleinert und kommen vier Mal im Jahr heraus. Feste Redakteure gibt es noch zwei, ansonsten arbeiten wir mit freien Autoren. Wir werden dieses Jahr nicht schwarz abschließen, aber wir sind gut dabei und deutlich besser aufgestellt als im Vorjahr - ich musste schon eine ganze Weile kein Geld mehr reinschießen. Ich bin sehr zuversichtlich. Aber ich würde heute niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, Journalist zu werden. Die freien Autoren müssen fast alle noch etwas anderes machen, um über die Runden zu kommen.

mm: Was steht als nächstes auf Ihrer Agenda?

Sapre: Ich will das Café so zum Laufen bringen, dass ich nicht dauernd hier sein muss. Ich plane viel weniger, als das sonst im Wirtschaftsleben üblich ist. Vielleicht auch deshalb, weil ich die Tricks kenne und mich noch gut erinnere, wie ich mich mit Excel-Tabellen bei Mobile.de zwischendurch reich gerechnet habe. Was glauben Sie, was ich an Business-Plänen zu sehen bekomme - vieles was da drin steht ist ein großer Humbug. Was ich machen werde? Mal sehen. Früher dachte ich, dass die Mitarbeiter den Anspruch an mich als Chef haben dürfen, dass ich weiß, wo es hingeht. Aber man braucht nur das Grundvertrauen, dass man schon irgendwo ankommen wird, und dann kann man mit den Leuten gemeinsam den Weg suchen. Ich bin ein großer Freund des Helmut-Schmidt-Satzes, dass, wer Visionen hat, zum Arzt gehen sollte. Ich habe keine Visionen. Ich lebe zielstrebig in den Tag hinein. Man kann ja immer nur einen Schritt zur Zeit gehen. Eine Ethik hilft da weiter als Visionen.

mm: Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Sapre: Ich verfolge eine ganz klare Kein-Arschloch-Politik. Ich will keines sein und akzeptiere auch keines in meinem Umfeld. Das lasse ich nicht zu. Das Schreckliche ist ja: Das sollte selbstverständlich sein, aber man stellt fest, dass das im Geschäftsleben eine ungewöhnliche Strategie ist. Aber wenn man es hinkriegt, dann arbeitet man immer mit Leuten zusammen, die genauso wie man selbst auch wollen, dass der Laden läuft.

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