Sonntag, 20. Mai 2018

Londons beste Restaurants Locker bleiben!

Essen in London: Die neuen Gourmetrestaurants
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REUTERS

Teure Menüs in förmlichen Gourmetrestaurants? Aber nicht doch. Exzellente Speisen gibt es auch ohne steifes Brimborium, wie Feinschmecker-Autorin Deborah Gottlieb in London festgestellt hat. Dort setzen junge Köche jetzt auf eine neue Lässigkeit ohne Kompromisse bei der Qualität.

London - Die Queen persönlich zu Gesicht zu bekommen ist vermutlich auch nicht viel schwieriger, als Jason Atherton zu treffen. Der 42-jährige Koch hat globale Ambitionen und zehn Restaurants: vier in seiner Heimatstadt London, weitere in Hongkong, Schanghai und Singapur.

Gefunden in
Dubai, Sydney und New York folgen demnächst - das kleine Imperium, erst seit 2011 aus dem trotz Rezession ungemindert fruchtbaren Boden der britischen Hauptstadt gestampft, wird so schnell größer wie die Taubenschar auf den themseschlammfarbenen Schornsteinköpfen der viktorianischen Stadthäuser.

Jasons Lokale sind die Speerspitze eines Trends, der wie so viele von London aus gerade die Welt erobert. "Die Zeiten haben sich geändert", sagt der Koch, den kürzlich die Zeitschrift "GQ" zum "Man of the Year" gekürt hat: "Die Gäste, vor allem die junge Generation, wollen hervorragendes Essen aus besten Produkten, sich aber in Restaurants nicht mehr vorschreiben lassen, was sie anziehen sollen, und keinen Service, der ihnen lange Vorträge hält.

Sie wollen eine lockere Atmosphäre, Spaß und vor dem Essen Bier trinken, ohne schief angesehen zu werden. Jahrzehntelang hieß es, als Aperitif solle man Champagner ordern oder allenfalls Gin Tonic. Dabei werden hier einige der besten Biere der Welt gebraut!"

Pommes Frites - aber in Entenfett gebraten und getrüffelt

Also ein Bier. Ein Hells Lager von der Camden Town Brewery vielleicht, kräftig, frisch und elegant mit fein eingebundener Malznote? Engagierte britische Mikrobrauer haben das Image des Hopfenstoffs mit Manufakturbieren kräftig aufpoliert, und die passen bestens zu den modernisierten britischen Gerichten, die Jason Atherton in seinen Restaurants servieren lässt: im "Pollen Street Social", seinem Flaggschiff, aber vor allem im 2013 eröffneten "Social Eating House" in Soho, das am konsequentesten den Geist der neuen lässigen Esskultur verkörpert.

Industrie-Ambiente mit unverputzten Backsteinwänden wird hier untermalt von der lebhaften Klangkulisse eines In-Lokals, an rustikalen Holztischen stehen Lederbänke, und im Obergeschoss befindet sich eine Bar im speakeasy-Stil mit klasse Cocktails. Der junge Service ist so unbekümmert wie engagiert und überschreitet nie die sensible Grenze, jenseits derer Zugewandtheit in Jovialität umschlägt.

Der geräucherte Loch-Duart-Lachs mit fein-scharfer Miso-Crème-fraîche und spicy Barbecue-Gurke ist herrlich samtig und dennoch fest, das 35 Tage trocken gereifte Côte de Boeuf für zwei ist leicht marmoriert und besticht mit kräftig nussigem Aroma. Die Lust, Traditionen zu brechen oder neu zu interpretieren, zeigt sich auch auf den Tellern: Jasons Version des Klassikers bacon and eggs besteht aus saftigem Entenschinken mit feiner Buchenrauchnote, in zarte Kruste gehülltem Wachtelei und knusprigen, in Entenfett gebackenen Pommes frites mit Trüffeln.

Vom Ernst hinter dieser Genussphilosophie zeugen die Food- Meilen, die auf den Speisenkarten von Jason Athertons Restaurants angegeben sind: Das schottische Rindfleisch hat 172 Meilen zurückgelegt, das Schwein kommt aus Norfolk im Osten Englands. Soll keiner sagen, die Leichtigkeit des kulinarischen Seins sei nicht umweltbewusst.

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