Freitag, 22. Mai 2015

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Die besten Spezialitäten Der große Champagner-Test

3. Teil: Champagner für Fortgeschrittene

Knappes Gut: Trauben aus der Champagne werden zu Höchstpreisen verkauft
Champagner für die in dieser Probe gesetzten Kategorien werden sowohl von kleinen Winzerchampagner-Betrieben wie von großen Häusern hergestellt. Der Betrieb mit gerade 1 Hektar eigenen Reben ist ein großes Haus, das jährlich mehr als fünf Millionen Flaschen herstellt - aus zugekauften Trauben; umgekehrt machen einige Winzerchampagner-Betriebe mit knapp 2 Hektar Reben pro Jahr lediglich 13.000 Flaschen.

Die großen Marken sind sehr darauf bedacht, ihren Standardweinen jedes Jahr den für Haus und Marke charakteristischen Stil mitzugeben. Erreicht wird dies mit dem für das Haus typischen, abrundenden "Liqueur de Dosage", dessen Rezept meist als Firmengeheimnis strenggehütet wird, sowie Reserveweinen aus früheren Jahren. Je schwieriger oder schlechter das Weinjahr, umso mehr wird auf diese Reserven zurückgegriffen.

So auch im durch Frühlingsfröste und Hagel ertragsschwachen Jahr 2012, in dem der maximale Ertrag pro Hektar auf 11.000 Kilo festgesetzt wurde. Wer das nicht erreichte, durfte eine Freigabe der qualitativen Sonderreserve beantragen. Es ist kein Geheimnis, dass mit der Dosage auch Unzulänglichkeiten oder eine schlichtere Qualität der Grundweine übertönt werden können.

Diskret zunehmende Restsüße

Aufmerksame Beobachter registrieren in den letzten Jahren bei einigen Markenchampagnern eine diskret zunehmende Restsüße - die wohl dem sich verändernden durchschnittlichen internationalen Konsumentengeschmack entgegenkommt. Den Produzenten der Winzerchampagner stehen dank des Familienbesitzes meistens erstklassige Lagen vom Typ Grand- oder Premier Cru zur Verfügung. Im Gegensatz zu den Aufkäufern der großen Marken müssen sie sich um die brutal hohen Traubenpreise (2012 wurde für ein Kilo Champagnertrauben im Grand Cru-klassifizierten Avize 5,77 Euro bezahlt) keine Gedanken machen.

Die Standardcuvée eines Hauses, der Brot-und-Butter-Wein ist ein "brut" ohne Jahrgang - meistens komponiert aus den drei bekannten Traubensorten. Er ist in der Regel der preisgünstigste, der Einstiegschampagner. Diese Champagner bestreiten den Löwenanteil des Angebots. Daneben produziert jedes Haus eine Reihe von Variationen in unterschiedlichen Dosierungen, dazu in besonders guten Jahren einen Jahrgangschampagner, Edelcuvées aus besonders selektionierten Trauben von besonderen Lagen, einen Rosé, sowie Spezialitäten wie rebsortenreine Champagner oder Kombinationen daraus.

Wurde viele Jahre nur in Beton- und Stahltanks vinifiziert, entstehen mehr und mehr Champagner, die in gebrauchten oder neuen Barriques ausgebaut werden und reinsortige Champagner ohne jegliche Dosage. Weil diese, bei fortgeschrittenen Champagner-Freunden besonders beliebten Spezialitäten häufig in Degustationen zu kurz oder überhaupt nicht zum Zuge kommen, haben wir sieben Kategorien mit Spezialitäten gebildet.

Auch Champagner ohne Jahrgang können bestehen

Leider sind viele dieser spannenden Weine in Deutschland (noch) nicht auf dem Markt oder wurden (z.B. Agrapart, Bauget-Jouette, Gaston Chiquet, Charles Heidsieck, Chartogne-Taillet, Doquet, Drappier, Guy Larmandier, Lassaigne, Leclapart, Marie-Noelle Ledru, Moncuit, Salon, Secondé, Selosse, Thiénot, Ulysse-Colin, Vilmart, Vve Fourny) nicht eingereicht.

Weil die Beschaffung ab Weingut in der Chamapgne zu umständlich und für einzelne Flaschen zu teuer wäre, haben wir uns auf die von Importeuren und Händlern in Deutschland angelieferten Weine beschränkt. Weil bei diesem Test die sieben Kategorien im Vordergrund standen, wurde nicht nach Champagnern ohne oder mit Jahrgang unterschieden. Die Ergebnisse zeigen denn auch, dass auch Champagner ohne Jahrgang gegen solche, die aus einem Jahrgang hergestellt wurden, bestehen können.

Das Gesamtfazit der Verkostung: Bei dem handwerklich hohen Niveau der angestellten Champagner sind Unterschiede von zwei oder drei Punkten auf der Hunderterskala eigentlich nicht mehr feststellbar. Bei der Bewertung eines Typs geht es aber weniger um gut oder schlecht, sondern darum, welche Art gefällt: eine traditionelle Cuvée, eine sortenreine, eine trockene Version oder eine holzbetonte. Auch ob der Champagner als Aperitif getrunken oder als Essensbegleiter ausgewählt wird, ist von Bedeutung - und nicht zuletzt auch der Preis.

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