Freitag, 16. November 2018

 Winzer auf Burg Schaubeck Der Adel gibt Gas

Winzer Felix Graf Adelmann: Cuvées mit Herzblut
MATTHIAS SCHMIEDEL

Felix Graf Adelmann hat in fünfter Generation das Steuer auf dem noblen Weingut in Württemberg übernommen. Mit Herzblut komponiert er rote Cuvées - und Popsongs. Feinschmecker-Autorin Gabriele Heins hat ihn besucht.

Steinheim-Kleinbottwar - Das Winzerleben? Von außen betrachtet ein Traum. Malerisch liegt die weiße Burg Schaubeck in der Morgensonne, der Gärtner gießt Tulpen, eine Cellistin und eine Geigerin steigen mit ihren Instrumenten die Holztreppe zur Konzertscheune hinauf. Hinten am Pool bleibt der Blick am Gartenhaus hängen, das einst für einen Enkel Napoleons gebaut wurde. Beiläufig schlägt Pfau Anton ein Rad.

Doch da kommt auch schon Felix Graf Adelmann, heuschnupfengeplagt, und macht Schluss mit Träumereien: "Tja, die Burg…" Stirnrunzelnd blickt er zum Dach, das rund 740 Jahre alte Gemäuer ist für den jungen Hausherrn oft ein Kummerkasten. Allein der Riss da oben, das sind gleich Unsummen. Und die Heizkosten! Wegen des Denkmalschutzes ist jedes Fenster nur einfach verglast, "da friert uns im Winter schon mal das Shampoo im Badezimmer ein".

Der 33-Jährige braucht erst einmal einen starken Kaffee, gerade war er wieder auf Tour. Moderationen, Messen, Weinmenüs, Hände schütteln. Kunden und Händler für seine Lemberger, Spätburgunder, Trollinger begeistern. 70 Prozent Rotwein sind im Portfolio, ein Viertel des Umsatzes machen die Cuvées aus, 13 Rebsorten wachsen auf 21 Hektar. Seit diesem Jahr ist Felix offiziell und notariell beglaubigt Chef des traditionsreichen württembergischen Weinguts Graf Adelmann nördlich von Ludwigsburg. Das kostet Energie. Nicht umsonst kullern in seinem Auto auch Red-Bull-Dosen.

"Ich bin Weinbauer, Showmaster, Hausmeister, Vertriebsleiter, Marketingmanager, PR-Kraft - ich könnte die Liste ewig fortsetzen", sagt er. Zudem schleppt Felix, genauer: Graf Adelmann von Adelmannsfelden, einen ganzen Rucksack voller Vergangenheit mit sich herum. Schon seit 1297 wird auf der Burg Wein angebaut, die Familie lässt sich sogar bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Seit 1914 gehört den Adelmanns die Burg, nachdem es durch Heirat mit einer Tochter der Inhaber-Familie Brusselle zu einer freundlichen Übernahme des Anwesens gekommen ist. "Brüssele" - dieser Name steht heute für die trockenen Gutsweine.

Puristischer Stil mit klarer Linie

Felix repräsentiert die fünfte Winzergeneration und stellt sich mit all seinem blauen Herzblut den Herausforderungen des Weinbaus im 21. Jahrhundert. Sein Großvater Raban führte den Betrieb noch als Gentleman-Farmer, wenn er nicht gerade in Bonn, Paris, Brüssel oder Rio de Janeiro weilte, als Bundestagsabgeordneter, Attaché oder Diplomat. Ein wenig Laisser-faire durfte sein - wer wusste schon so genau, was Böckser sind? Wein wurde abgefüllt, wenn er schmeckte, und alle paar Jahre erschien mal ein Buch über deutsche Gewächse.

Rabans heute 65-jähriger Sohn Michael Graf Adelmann hat sich nach dem juristischen Staatsexamen ab 1978 als erster Burgherr hauptamtlich um die Reben gekümmert. Mit Bordeaux aufgewachsen und Châteauneuf-du-Pape als Messlatte, setzte er Zeichen beim deutschen Wein. Schon früh hat er Cuvées kreiert, stilsicher Barriques eingeführt, auf trockenen Ausbau gesetzt, und bis zu diesem Sommer war Graf Michael ein Vierteljahrhundert lang prägendes Präsidiumsmitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP).

Die Familie - seit jeher landwirtschaftlich geerdete Aristokraten mit Sinn für Kunst, Politik und Geschichte; biographische Daten überprüft Felix schon mal schnell bei Wikipedia. Noblesse oblige: Den Württemberger Gewächsen Trollinger und Lemberger rangen die Winzer immer Finesse ab, pflegten einen harmonischen, puristischen Stil mit klarer Linie.

Die trockene Lemberger-Spätlese "Brüsseler Spitze" bewies gar so viel spielerische Eleganz, dass der Kalte Krieger Alexej Kossygin spontan einen Toast auf den 1971er ausbrachte.Überhaupt waren die Weine an den Tafeln von Konrad Adenauer, Königin Elisabeth II., J. Edgar Hoover und diversen Bundespräsidenten immer in guter Gesellschaft.

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