Samstag, 18. November 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Wein Chemische Altlasten ruinieren edle Tropfen

Der Korkschmecker ist unter Winzern und Weinkennern gefürchtet: Er verdirbt teure Weine und verursacht Millionenschäden. Jetzt aber stellt sich heraus: Der Korken wird womöglich oft zu Unrecht verdächtigt, die muffige Note in den edlen Tropfen zu bringen.

Hamburg - Ein Stich ins Schimmlig-Muffige statt des ersehnten Fruchtbouquets - so wünscht sich kein Weinliebhaber seinen Riesling oder Silvaner. Doch der gefürchtete Fehlton kommt immer wieder vor. Er gilt als klares Indiz für einen sogenannten Korkschmecker. Ein Wein, insbesondere ein weißer, der durch den Kontakt mit minderwertigen Naturkorken eine unbekömmliche Muffnote angenommen hat, ist ein Fall für den Ausguss.

Es kursieren Zahlen, laut denen weltweit jedes Jahr Wein im Wert von Milliarden Euro durch Korkschmecker ungenießbar wird. Beim International Wine Challenge in London vor vier Jahren erwiesen sich 2,6 Prozent aller verkosteten Tropfen als korkstichig. Experten der University of California in Davis beziffern die Ausschussquote mit zwei bis sieben Prozent. Nach ihren Kalkulationen verhunzt der Korkton allein in den USA jedes Jahr Weine im Wert von 200 Millionen Dollar oder mehr. In Deutschland gab es Fälle, in denen Gerichte betroffenen Weingütern Schadenersatz in sechsstelliger Höhe zusprachen - und viele Weitere, in denen sich Korklieferanten und Kellereien diskret auf einen Vergleich einigten.

Doch die Sache mit dem klar definierbaren Korkmuff ist inzwischen gar nicht mehr so eindeutig. Laufende Untersuchungen im Fachbereich für Kellerwirtschaft an der Forschungsanstalt Geisenheim in Hessen belegen: Der Fehlton tritt immer öfter auch bei der Verwendung von Flaschenstopfen aus Kunststoff auf, und kontaminiert werden die Weine dabei erst in der Kellerei. "Der Begriff Korkschmecker ist fragwürdig", urteilt Rainer Jung, Önologe und stellvertretender Leiter des Fachbereichs Kellerwirtschaft in Geisenheim.

Geschmackskiller in alten Gemäuern

Dort schreibt Volker Schaefer, auch er Önologe, derzeit an seiner Doktorarbeit über die mysteriösen Fehltöne. Laut Jung ist es die erste umfassende wissenschaftliche Studie zum Thema. Durch Analysen vor Ort ist Schaefer auf chemische Altlasten in zahlreichen Weinkellern gestoßen, deren langer Atem Winzern noch heute zu schaffen macht und ihre Weine ruiniert.

Holzgebälk oder -paletten in den Kellern enthalten demnach oft Spuren von Pentachlorphenol (PCP), einem giftigen, längst verbotenen, aber früher intensiv verwendeten Holzschutzmittel. In dem feuchten Milieu der alten, meist schlecht belüfteten Kellerräume nisten sich Schimmelpilze im Holz ein und wandeln PCP in eine Substanz namens Trichloranisol (TCA) um, die dann in die Raumluft entweicht.

Dieser Stoff "lagert sich stark an jeglicher Form organischer Materie an", so Schaefer - also auch an Kunststoffkorken, die in einem belasteten Raum lagern, und sogar an Zellulose-Sieben, die bei der Filtrierung von Weinen zum Einsatz kommen. Laut Jung gab es früher gar Fassbehandlungsmittel, die chlorhaltig waren und sich heute als TCA-Quelle entpuppen.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH