Dienstag, 26. Juli 2016

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Foodstyling Der schöne Schein

Autopolitur, Sekundenkleber, Kunstharz - wenn Lebensmittel auf Bildern wirklich appetitlich aussehen sollen, greifen Foodstylisten tief in die Trickkiste. Zu viel schummeln dürfen sie allerdings nicht: Manche Käufer zählen nach, ob auf der Tiefkühlpizza genauso viele Salamischeiben sind wie auf dem Packungsfoto.

Bielefeld/Düsseldorf - Moderne Küche hin oder her, wenn es um Brathähnchen geht, heißt das Vorbild immer noch Wilhelm Busch. Denn in den Bildergeschichten über die bösen Buben Max und Moritz, die der armen Witwe Bolte die Hühner aus der Pfanne angeln, findet sich das Idealbild des Brathuhns, an dem sich Köche und Foodstylisten messen.

Um dieses Vorbild zu erreichen, stopft Andreas Pöschel das appetitliche Tier mit Küchenpapier aus, bis es prall und rund ist. Die Hähnchenschenkel klebt er mit Sekundenkleber fest, damit sie hochstehen. Dann zieht er die Haut des Hähnchens straff und näht sie fest. Schließlich "lackiert" er die Haut mit einem dunklen Gewürzöl, bevor das Hähnchen in den Ofen kommt.

Mit einem Gasbrenner bräunt er einzelne Stellen gezielt nach. Der 40-Jährige ist Foodstylist - einer der gefragtesten. "Es ist schwer, in den Markt reinzukommen", erklärt Pöschel, der sich auf TV-Spots spezialisiert hat. Auf dem TV-Markt seien weltweit rund 350 Foodstylisten aktiv, schätzt er.

Bierglas mit Autopolitur

Diesmal beschäftigt den Bielefelder jedoch ein Fotoshooting für den Katalog einer Warenhauskette. Das Thema lautet Oktoberfest, also richtet er Brezeln, Käse und Salate, aber auch Weißwürste oder Bier für den Fotografen an. "Das Thema Essen interessiert fast jeden", kommentiert der Düsseldorfer Fotograf Oliver Perl. Das nächste Projekt ist schon der Weihnachtskatalog - mitten im Sommer.

Es sind die kleinen Details, die für das Entzücken der Kunden sorgen sollen, das Wassertröpfchen, das am Glas hinunterläuft, der Schaum auf dem Bier. Sogar die Löcher im Käse: Dem Emmentaler rückt Pöschel mit einem Ausstecher zu Leibe. "So hilft man der Natur dann häufig nach", erklärt er.

Um das am vermeintlich kalten Bierglas herabperlende Wasser zu imitieren, behandelt er das Glas mit Autopolitur, dann sprüht er eine Mischung aus destilliertem Wasser, Glyzerin und Silikon auf. Das Wasser verdunstet, die Glyzerin-Silikon-Tropfen bleiben. "Man überlässt nichts dem Zufall", betont er. Auch nicht bei dem dafür notwendigen Wasserzerstäuber, den er in einem finnischen Nasensprayfläschen fand. Der Pilskrone verleiht er mit einem Verdickungsmittel aus Algen Halt, dann bläst er den Schaum mit einem Strohhalm auf.

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