Mittwoch, 31. August 2016

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Currywurst Seelenwärmer im Neonlicht

Berlin ohne Currywurst? Undenkbar! Nirgendwo sonst entzünden sich am Bratwunder mit der roten Sauce so hitzige Debatten. Wer hat sie erfunden? Wo schmeckt sie am besten? Was ist das Geheimnis des Ketchups? Viele Fragen und noch mehr Antworten, denn jeder Fan gibt seinen Senf dazu.

Berlin - Die Schloßstraße in Steglitz. Wo Kennedy in der offenen Limousine durchfuhr, nach seiner berühmten Rede, und wo die Leute ihm aus den Fenstern zuwinkten. Aber die Leineweber von damals sind nicht mehr. "Feinkost Nöthling" hat einem Brillengeschäft Platz gemacht. Es ist Freitagnacht, Berlin nieselt, und die Paläste des Konsums, die das kleine Gewerbe vertrieben haben, liegen verlassen wie gestrandete Schiffe. Die Schloßstraße ist tot.

Nicht ganz: Ecke Kieler Straße eine rettende Insel unter Pappeln, Neonlicht, oranges Blech; ein schützendes Vordach überragt den Imbiss "Zur Bratpfanne". Darunter einige Gestalten, schweigend über rot verschmierte Pappteller gebeugt. Und hinter dem Tresen Jürgen Hesselbarth, Herr der Fritteuse. Wo die Würste reinkommen, die ohne Darm. Die mit Darm werden im Fett gebraten. 30 hat er in der Pfanne, geht eine weg, wird nachgeschoben.

"Denn das ist ja eigentlich ein Stoßgeschäft", sagt Jürgen, 63, Berliner, der seit acht Jahren dabei ist und heute als Springer arbeitet. Er nimmt die Bestellung auf: ohne Darm mit Pommes und Mayo. Bis zu 20 Kilo Mayo drückt er täglich aus der Tube, und ganze Lastwagenzüge voller Tomaten aus Spanien braucht es jährlich, um den Bedarf der Bude an Ketchup zu decken.

"Einen guten Appetit", wünscht Jürgen und schiebt die Pommestüte nach draußen, die sein Kollege Andreas Fleischer, 49, mit dem er die Schicht teilt, zubereitet hat. "Und da gibt es Leute", klagt er nun und schüttelt den Kopf, "die bestellen eine Curry mit Ketchup. Verstehste! Eine Curry ist mit Ketchup! Sonst isset keene." Aber wenigstens weiß er dann sofort, dass dieser Gast keiner aus Steglitz ist.

"Wenn aber einer einen Cheeseburger bestellt, dann macht das der Andreas", knurrt Jürgen. "Der hat dett nämlich in Fuhlsbüttel gelernt." Fuhlsbüttel ist ein Knast in Hamburg, und jetzt kichern einige Sachverständige unter dem schmalen Dach. Jürgen ist zufrieden: "Spaß muss sein, das gehört zur Currywurst." Wobei – als Folge der Preisauszeichnungsverordnung – am Imbiss "Zur Bratpfanne" auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist, dass hier die berühmte Currywurst verkauft wird (seit dem 16.11.1949), übergossen mit der noch viel berühmteren Ketchup-Sauce, der Kindheitstraum von Nachkriegsberlin.

Am Preisschild steht "Bratwurst, 1,60" und darunter, klein gedruckt, "mit Phosphat". "Denn laut besagter Verordnung darf draußen nicht angeschrieben sein, was drinnen nicht drin ist", knurrt Jürgen. "Und natürlich ist in der Currywurst kein Curry drin. Wie auch! Das ist ja dett janze Ding an der Sache." Damals, nach dem Krieg, gab es in Berlin Trümmerfrauen, Lebensmittelkarten, Stromsperren und nicht mal Schweinedärme, um die Würste abzupacken. Aber es gab viele amerikanische Soldaten, die wollten eine Wurst haben.

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